Wir werden wieder lernen müssen, mit der Natur zu leben, statt gegen sie. Also auch, das Wetter auszuhalten, wie es uns begegnet, uns ihm zu stellen und es nicht auszusperren – mit Jalousien, Klimaanlagen oder Reisen in kühlere respektive wärmere Gegenden – je nachdem, was uns angenehmer oder welche Jahreszeit gerade ist.
Reisen in ferne Welten oder Zeiten werden auch in Zukunft unmöglich bleiben – außer, die Physik ändert sich grundlegend. Also müssen wir uns wohl oder übel in unserer Zeit auf unserem Planeten einrichten. Dabei ist es irrelevant, ob der Klimawandel primär am Menschen und seinen sogenannten Errungenschaften hängt oder ob wir nur am Beginn einer der nächsten Warmperioden der Erde teilhaben dürfen. Der Klimawandel per se ist Realität.
Wir können natürlich so weitermachen wie bisher: Wachstum um jeden Preis, was bedeutet: immer mehr Autos, Flugreisen, Konsum, Ausbeutung der Natur und ihrer Rohstoffe. Gewiss entwickeln und realisieren wir parallel dazu unsere Möglichkeiten weiter. Mit unserer Technik können wir immer tiefer in der Erde wühlen, Häuser immer höher und sicherer bauen. Noch bessere Gesundheitsversorgung lässt vermögende Menschen immer älter werden. Ärmere bekommen immer mehr Kinder, damit wenigstens ein paar wenige von ihnen das Erwachsenenalter erreichen und zum Existenzminimum der Familie beitragen können.
Kurzum: Nehmen Sie die Realität an, denn es gibt kein Paralleluniversum, in das Sie über kurz oder lang werden flüchten können.
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Chino verdrehte die Augen und klemmte sich die frisch gedrehte Zigarette hinters Ohr. Ein Krümelchen Marihuana mehr als sonst. Das brauchte er jetzt. Dann schälte er sich aus seinem Zelt und ging die paar Schritte ans Ufer hinunter. Zündete die Zigarette an, nahm einen tiefen Zug. Ließ die Lunge davon schmecken. Eins. Zwei. Drei. Vier. Bis das Klopfen im Kopf schummrig war. Dann ließ er die Lunge wieder frei.
Das Wasser leuchtete grünlich im nächtlichen Sonnenlicht. Durch den Mondspiegel bekam es einen kleinen Blaustich mit. Schön, die neuen Algenhybride hatten es doch bis hierher geschafft. Doch es sah schön aus. Und das war es, was zählte. Schönheit und ein ruhiger Geist. Fürs Atmen hatte Chino noch ein paar Oxygens Vorrat. Reichten mindestens noch zwei Wochen. Was danach kam, war egal. Mit Gras war sowieso alles egal.
Die alte Zeitung hatte Chino bei seiner letzten Beschaffung entdeckt. Er nannte es nur deshalb Zeitung, weil sein Implantat ihm erzählt hatte, dass das da stand: Rheinische Abendzeitung. Auf der ersten Seite dieser schwülstige Text aus einer Zeit, die hundert Jahre vor seiner lag. Chino hatte sich durch mehrere Unterprogramme wühlen müssen, damit sein Implantat den Algorithmus fürs Vorlesen fand. Schon dafür hatte er zwei Zigaretten gebraucht. Mittlerweile bereute er es. Am liebsten würde er es rückgängig machen lassen. Denn diese Worte hatten etwas mit ihm gemacht. Er bemerkte es daran, dass er mehr Marihuana in die letzte Zigarette gekrümelt hatte. Dass er nun länger und stärker an ihr zog. Dass seine Lunge das nicht mochte. Die Wirkung im Gehirn aber nicht anzukommen schien.
Dann war die Zigarette bis auf den letzten Rest aufgeraucht. Doch Chino blieb am Ufer sitzen. Schaute auf die Wasseroberfläche, die ruhig vor ihm lag. Er hatte Lust darauf, ins Wasser zu gehen, obwohl er wusste, dass das nur Lebensmüde wagten. Auch länger als eine Zigarette außerhalb des Zeltes zu sein, grenzte an Dummheit. Doch Chino spürte plötzlich Worte außerhalb des Implantats in seinem Körper. Sie strömten nicht aus seinem Bauch, sondern aus seiner Körpermitte. Es fühlte sich an wie ein schlechtes Gefühl. Dabei wusste Chino gar nicht, was gut und schlecht bedeuten.
Schließlich wischte er die Worte weg, lief zum Zelt zurück, klappte die Plane zur Schleuse zur Seite. Hielt inne. Eins. Zwei. Drei. Vier. Ließ die Plane wieder fallen. Und wühlte in seinen Algorithmen nach dem Weg zu dem Ort, wo er die Zeitung gefunden hatte.
© Dominik Alexander / 2023