Schon wieder steckt da so ein Mitternachtsrauschen in der Nacht mit drin. Anstatt gleich am Morgen meine abstrusen Träume – machmal auch Wünsche – in ein Gedicht zu packen, stark verfremdet und verzerrt, so dass sich niemand darin erkennt, aber sich jeder, der es liest, wiederfinden kann, warte ich mal wieder bis eine Stunde vor Tagesende, um aus allen vorigen dreiundzwanzig Stunden schöpfen zu können. Und was genau? Eine Geschichte? Ein Gedicht? Eine Abhandlung? Eine Untersuchung? Ein Epos vielleicht? Oder doch nur ein Haiku?
Wenn der Tag so dahingleitet, könnte ich zehn Gedichte schreiben. Zu allem fällt mir etwas ein. Viele Fenster öffnen sich, doch schlagen wieder zu, weil ich mir lieber die Wolken anschaue, anstatt den Moment ungesehen an mir vorbeiziehen zu lassen, weil ich Notizheft und Stift zur Hand nehme, um die Worte aufzuschreiben, die sich gerade noch so in meinem Kopf festkrallen.
Gedanken ohne Halbwertzeit.
Gedanken, nur gedacht, um aus dem Kopf zu sein, um Platz zu schaffen für neues Denken, anderes Denken – gar kein Denken. Das ist auch mal schön. Nicht denken, sondern nur den Vogel auf der Fensterbank beobachten.
Und jetzt nachts sitze ich in meiner Bibliothek. Draußen rauscht die Nacht vorbei. Noch immer habe ich das Grillenzirpen im Ohr. Das tanzende Taschenlampenlicht vom Nachtwächter der Baustelle gegenüber. Auf dem Flur ist es dunkel. Die Tür der Bibliothek steht offen. Das Dunkel strömt herein, wirft Schatten und negative Geräusche in den Raum. Negative Geräusche sind abwesende Geräusche. Geräusche, die augenblicklich nicht erklingen, aber im Nachhall noch da sind. Negative Geräusche sind Treppensteigen aus dem Treppenhaus. Kurze Zeit später Holzdielenknarren vom Dachboden. Manchmal auch ohne vorheriges Treppensteigen. Dann ist es nur der Wind. Eine lose Dachplane unter dem Holz und den Ziegeln auf dem Dach. Ist es ein Tier, das dort gefangen ist? Oder etwas anderes Lebendiges?
Ist es ein negativer Mensch?
Negative Menschen sind…
Ich denke zurück an den kleinen Vogel auf meiner Fensterbank auf dem Balkon. Er nutzt sein Federkleid als nächtliche Behausung und nimmt den Bastkorb, der ihm so etwas wie eine Höhle schafft, als nächtlichen Unterschlupf an. Vorhin schlief er bereits, als das Nachtwächtertaschenlampenlicht zwischen den Häuserschluchten tanzte. Vielleicht träumt er von seinem Spiegelbild und glaubt, es sei eines seiner Geschwister, die er nie mehr wiedersehen wird. Für den kleinen Vogel sind negative Menschen wie negative Katzen.
Irgendwo hinter den Grillengeräuschen wetzen die positiven Katzen bereits ihre Krallen.
© Dominik Alexander / 2023