Mein Vormieter hatte mir im Dezember 2022 verschwiegen, dass der Balkon meiner neuen Wohnung als ideale Brutstätte für kleine Singvögel dient. Nach meiner ersten Erfahrung hier mein kleines Resümee inklusive Tipps für künftige Vogeleltern.
Ab und zu wollte ich schon ein Haustier haben. Eine Katze, eine Schildkröte, einen Wellensittich. Davon abgehalten haben mich die finanzielle Mehrbelastung sowie die permanente Verantwortung. Ich kann doch keinen Urlaub machen, wenn so ein Tier auf mich angewiesen ist. Nun bin ich bereits seit über einem Monat unfreiwillig Haustierbesitzer.
Ein Rotschwänzchen hatte sich dazu entschieden, sein Nest auf meinem Balkon zu bauen, ein paar Eier zu legen, auszubrüten und so lange zu füttern, bis die Kleinen auf eigenen Beinen stehen. Seitdem werde ich regelmäßig vom Balkon vertrieben, helfe aber auch, wenn der Nachwuchs mal wieder in der prallen Sonne liegt. Sollte das Rotschwänzchen weiterhin bei mir brüten wollen, wäre mir das trotzdem recht. Denn die Vogel-Mensch-Symbiose ist lehrreich, interessant und vor allem kostenlos.
Das Rotschwänzchen baut ein Nest
Ein paar kleine Zweige auf dem Boden meines Balkons machten mich auf das Nest aufmerksam, das zunächst unbemerkt von mir in die Höhe wuchs. Strategisch gut gewählt lag es direkt unter dem Balkondach in einem U-Träger und damit geschützt vor Starkregenereignissen mit Gewitter. Noch wusste ich nicht, wer hier baute. Also legte ich mich auf die Lauer.
Schließlich sah ich eines Tages einen schmalen Vogel mit rotem Schwanz. Die Namensgebung ist bei Vögeln ja nicht sehr abstrakt, weshalb ich die naheliegende Bezeichnung Rotschwänzchen googelte. Bilder, die ich fand, glichen meinem Vogel wie ein Ei dem anderen. Und so suchte ich auch nach dem, was ich nun erwarten konnte. Brutzeit: zwei Wochen. Verbleib im Nest: ebenfalls zwei Wochen.
Die Jungen verlassen das Nest
Bisher dachte ich: Wenn so ein Jungvogel das Nest verlässt, dann kann er fliegen. Instinkt und so. Der Vogel hüpft aus dem Nest, schlägt mit den Flügeln und schon lässt er sich vom Wind tragen und genießt die luftige Freiheit. Dem ist jedoch nicht so. Zunächst einmal: Die Jungvögel verlassen das Nest, wenn es ihnen schlicht zu klein geworden ist. Die Kleinsten werden gleich rausgeschubst; der Rest vielleicht von den Eltern.
Als es bei meinen Rotschwänzchen soweit war, geschah es an einem Vormittag. Am Morgen hatte ich noch kurz geschaut: alle fünf oder sechs Jungtiere hatten den großen nächtlichen Regen überlebt. Am Nachmittag war das Nest leer. Irgendwann hörte ich jedoch aufgeregtes Piepsen und schaute mich intensiver auf dem Balkon um. Und da lagen sie: direkt unter dem Nest, gefährlich nahe am Abgrund. Ein Vogelschritt weiter, und die Kleinen würden vier Stockwerke ungebremst in die Tiefe stürzen.
Zuerst hatte ich die beiden wieder ins Nest gehoben, dachte, sie wären lediglich herausgefallen und müssten wieder ins Nest – so hilflos wie sie da saßen. Doch das funktionierte nicht. Am nächsten Morgen hockten sie wieder am Boden. Da die Vorrichtung, auf der das Nest lag, keine Absperrung zum Abgrund besaß, versuchte ich, eine mit Klebstreifen zu bauen. Leider erwies sich das als Falle, an der die beiden Vögel nun teilweise klebten. Also befreite ich sie und legte sie auf der breiten Granitfensterbank auf etwas Küchenpapier ab.
Kampf ums Überleben
Den Übergang vom Nest zur Fensterbank hat leider nur ein Vögelchen überlebt. Doch es war stark genug, die Nacht zu überstehen. Am nächsten Tag kam Mutter Rotschwänzchen vorbei, um es zu füttern. Das hat mich zuerst etwas gewundert. Doch nach etwas Recherche erfuhr ich, dass das normal ist. Also doch keine übertriebene Vogelliebe. Solange die kleinen Vögel noch nicht fliegen können, hocken sie getarnt in Gebüschen, wo die Eltern sie finden und weiter für sie sorgen.
Ab und zu sieht man mal einen Jungvogel auf Wegen oder Wiesen sitzen. Hier sollte man erst mal aus weiterer Entfernung beobachten, ob sich die Eltern noch kümmern (können). Wenn nicht oder wenn Gefahr im Verzug ist (Katze), kann man den Vogel in einem belüfteten Karton zum nächsten Tierarzt bringen. Ich jedenfalls freue mich darauf, wenn der kleine Piepser endlich fliegen kann und ich meinen Balkon wieder benutzen darf.
© Dominik Alexander / 2023
Kolumne 666 besteht aus eben so vielen Worten. Dabei werden zwei Themen miteinander verwoben, die vordergründig kaum etwas miteinander zu tun haben. Ein Thema ist aus dem Pool an Schlagzeilen der vergangenen letzten Tage entnommen; das andere Thema entstammt meiner eigenen Biographie. Kolumne 666 ist ein serienhafter Kommentar zum Zeitgeschehen und soll zum Nachdenken mit anschließender Diskussion anregen; entweder hier oder im eigenen Bekanntenkreis.
Hach ja, ich kenne das nur allzu gut, habe schon unzählige Jungvögel sorgenvoll beobachtet, wenn sie flügge werden, bin da auch oft dazu geneigt, einzugreifen, wenn sie so ungeschickt, des richtigen Fliegens noch nicht mächtig auf dem Boden tapsen, ich Nachbars Katze in der Nähe weiß … etc..
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Bei mir auf dem Balkon sind aktuell die hohen Temperaturen das Problem. Habe ihnen auch eine Schale Wasser hingestellt. Die rühren sie aber nicht an. So wasserscheu wie Katzen ;)
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Wasserscheu sind Vögel beileibe nicht, die nehmen hin und wieder auch gerne mal ein Vollbad. ;-)
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Ja, plantschende Vögel sind mir durchaus nicht fremd. Wollte nur einen Scherz mit den bereits erwähnten Katzen machen, der wohl etwas zu sehr um die Ecke gedacht war ;)
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Scherzkeks ;-)
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