Reise (fast bis) zum Ende eines Textes

Da ich gerade nicht weiß, ob ich den Auftragstext, der mir seit anderthalb Tagen an der Backe klebt, heute schaffen kann, nehme ich euch einfach mal mit auf diese Reise. Schlag Mitternacht sollte dann beides geschafft sein – der Auftragstext und dieser Text hier. Wie soll das funktionieren? Folgendermaßen: Drüben, im Textdokument, schreibe ich den Auftragstext und hier – in reflexionshafter Würze – meinen Kommentar dazu.

Weshalb soll das funktionieren? Der Auftragstext soll aus 1.500 Wörtern bestehen. Thema ist geheim – mein Name wird am Ende nicht genannt. Stattdessen schreibt sich der Auftraggeber als Autor hin. Was im Grunde eine Urheberrechtsverletzung ist. Aber sei’s drum. Das Thema an sich tangiert mich nicht, doch ich erhalte einen Obolus, womit ich das alleinige Nutzungsrecht einräume. Ist so eine Art Grauzone unter Einwilligung der Urheberrechtsverletzung des Urhebers. Auf Englisch heißt das Copywriting und ist durch das amerikanische Copyright rechtssicher abgedeckt. Ist jedoch auf deutsche Verhältnisse nicht eins-zu-eins übertragbar. Egal.

Was nicht egal ist: Stand jetzt habe ich knapp einhundert Wörter. Immerhin: ein Anfang. Seither habe ich mich etwas ins Thema eingelesen; im Kopf existiert ein vager Ablaufplan und der Auftraggeber wünscht die Beantwortung einiger essentieller Fragen. Das Problem ist nun die Sperre im Kopf: Das Thema tangiert mich nicht, ich finde keinen Flow, weil mich das Thema nicht tangiert. Der übliche Kreislauf in meinem Kopf bei Auftragstexten. Aber jetzt ist es halb Neun und damit eine gute Zeit für einen fliegenden Start.

Ich trödle so vor mich hin

Hinter mir steht das Wittgenstein-Bilderbuch von Suhrkamp. So ein Foliant mit knapp vierhundert Seiten. Viele Illustrationen, lange Bildbeschreibungen, einige Faksimiles von Briefen, Notizbucheinträgen, Vorlesungskonzepten. Das ganze ist ein Kaleidoskop, in das ich mich viel zu lange vertiefe. Weil es gerade jetzt viel interessanter ist als der Text, den ich doch schreiben soll. Für den ich ein Taschengeld bekomme. Ist es das? Weil es nur ein Taschengeld gibt? Oder sind mir einfach die Leute suspekt, die hinter dem Auftrag stecken? Will ich einfach mal nichts tun?

All diese Fragen sind sinnlos. Denn tief in mir drin weiß ich, dass ich mir selbst auf die Schulter klopfen werde, wenn ich den Text fertig geschrieben habe. Wenn ich ihn geschafft habe. Und nicht er mich. Das Gefühl des Elans, des Antriebs, des Willens versuche ich gerade in mir zu finden. Über eine Stunde ist vergangen. Es ist viertel vor Zehn, und mit dem Auftragstext bin ich noch immer nicht weiter.

Immerhin steht das Wittgenstein-Kaleidoskop wieder an seinem ursprünglichen Platz in meinem Rücken im großen Bücherregal mit so vielen schönen Büchern und Erinnerungsstücken.

Es ist kompliziert, läuft aber wenigstens an

Es gibt ja einen Grund dafür, weshalb ich diesen blödsinnigen Textauftrag angenommen habe: Gemeinsam mit vielen anderen auch soll es ein kleines Taschengeld werden, das ich für meinen Geburtstag im kommenden Monat verwenden kann – um meine Eltern und meinen Bruder in ein Pub einzuladen sowie später eine kleine Feier in meiner noch immer neuen Wohnung zu schmeißen. Deshalb nehme ich gegenwärtig alles an, was ich kriegen (und schreiben) kann, um das realisieren zu können. Als aktueller Freiberufler sieht es finanziell bei mir gerade eben nicht so wirklich gut aus. Zumal ich als Autor nicht wirklich große Summen erschreiben kann, seit die Sprache allgemein nicht mehr so wichtig ist – jedenfalls die geschriebene – und man so klassische Informationstexte schon mal gerne die KI generieren lässt. Das frustriert zuweilen, hemmt auch ab und zu die Kreativität (was meine regelmäßigen Leser eventuell an den Texten der vergangenen Tage erahnt haben), lässt mich aber meistens doch in einen gewissen Trotz verfallen. Jetzt erst recht! Jetzt schreibe ich so etwas richtig DADA-haftes, damit die KI gar nicht mehr weiß, wo ihr der imaginierte Kopf steht!

Jedenfalls stehe ich jetzt – auch wegen des langsam akuter werdenden Zeitdrucks bei 535 Wörtern. Es ist gerade kurz vor halb Zwölf. Abgeben muss ich den Auftragstext morgen Vormittag kurz nach Elf. Also werde ich versuchen, heute noch bei etwa 700 Wörtern zu landen. Und morgen früh in zwei Stunden 800 Wörter zu schreiben. Eingelesen bin ich jetzt jedenfalls schon besser als vorhin. Ich überblicke den Plot, weiß, wohin ich will, und beim Ende habe ich im Grunde noch nie Schwierigkeiten gehabt.

Klingt das nach einem Plan, der funktionieren könnte? Ich hoffe es! Und werde es dann im morgigen Text zu einem Gedicht verarbeiten.


        © Dominik Alexander / 2023


Dieser Text (inklusive dieser letzten Zeilen) hat übrigens 764 Wörter. Hätte ich ihn nicht geschrieben, sondern mich vollständig auf den Auftragstext konzentriert, hätte ich die 1.500 Wörter beinahe schon geschafft. Allerdings musste ich für diesen Reflexionstext auch nicht recherchieren, sondern konnte mir direkt – aus mir – den Frust wegschreiben. Immerhin werde ich so gleich und seelig einschlafen können. Gute Nacht!

8 Comments Add yours

  1. KI kann niemals Individualität ersetzen. Sie wird Mittelmaß bleiben, weil sie alles vermengt. Viel Erfolg!

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    1. Vielen Dank! Vor allem im Journalismus und bei News-Meldungen, die auch ohne Individualität auskommen, wird sich AI / KI vermutlich durchsetzen. Bei anderen Texten wird hoffentlich wieder mehr auf Qualität geachtet. Mal sehen, wohin die Reise geht!

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  2. Jetzt, wo ich Dir alles Gute wünsche, ist Dein Text sicher schon fertig – und natürlich wird es ein guter sein. Manchmal ist”Augen zu und durch” eine sehr hilfreiche Vorgehensweise. Und man sollte den Aufgaben nicht mehr Herzblut schenken als sie vedienen.

    Wenn sich die Wogen im AI Hype wieder geglättet haben, wird zumindest der Bereich Literatur wieder besser gewürdigt werden. Mikrowellenherd-Kost versus Haubenlokal…..

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    1. Danke für Deine Wünsche! Haben auch geholfen, denn jetzt bin ich fertig. Und schon den nächsten Text in Vorbereitung, der allerdings nur 700 Wörter lang sein soll, dafür hochwertiger geschrieben.

      Ja, wie bereits an einigen anderen Stellen bemerkt und beschrieben, wird gute Literatur künftig vielleicht wieder oder immer noch geschätzt. Obwohl ich auch immer wieder Bücher in die Finger bekomme, die stark gehypt werden, aber einfach schlecht sind – jedenfalls für mein Empfinden. Ist sicher eine subjektive Sache.

      Außerdem sind AI / KI auch für die Literatur hilfreich, etwa zur Ideenfindung, Inspiration, Plothilfe etc. Mit Bestürzung habe ich kürzlich erst gelesen, dass mittlerweile viele Autoren Rechercheure beschäftigen, die ihnen Hintergrundinfos liefern. Hauptsächlich betrifft das wohl etablierte Autoren mit festen Verträgen und dem Druck der Verlage, auch wirklich in jedem Jahr einen neuen Roman zu veröffentlichen. Am Ende ist dann auch das wieder Fließbandarbeit. Möglicherweise werden mit AI / KI diese Rechercheure wiederum teilweise überflüssig. Wer weiß.

      Was den tagesaktuellen Journalismus betrifft, werden Menschen mit AI / KI-gererierten Texten allerdings obsolet. Davon bin ich überzeugt. Es interessiert schließlich kaum noch jemanden, wie die News-Texte geschrieben sind. Plakative, reißerische Überschriften kann auch die AI / KI generieren, wenn an sie entsprechend trainiert. Clicks per Titel-Clickbait funktioniert ja – das ist bewiesen. Wenn der Text dahinter dann etwas nüchterner ausfällt, weil AI / KI es mit Emotionen nicht so haben, ist das vernachlässigbar. Weil Menschen heute die Überschriften meist wichtiger sind als die Texte. Sollten Texte doch gelesen werden, dann wäre ein nüchterner News-Text immerhin besser als ein unnötig emotionalisierter.

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      1. Ich denke, mit AI wird es aehnlich werden wie in der Pop-Musik, die ja heute am Reissbrett von Profis designed und gekonnt gehyped wird. Nicht zu sprechen vom Film mit “Barbie” als Beispiel par excellance. Aber diese Zielgruppen haben auch vorher kein entsprechendes Niveau mitgebracht bzw. kein Interesse an Originalitaet oder gar Qualitaet im herkoemmlichen Sinn. Was ja auch ok. ist, wenn jemand im Laufrad steckt. Click-bait-Denken hat ein Ablaufdatum. Gutes Gelingen!

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        1. “Barbie” ist in der Tat ein wunderbar schreckliches Beispiel. Wurde mir ein paar Tage lang über sämtliche Social-Media-Kanäle per Werbung angezeigt, bis ich alles davon blockiert habe. Nun ist wieder Ruhe bis zum nächsten seichten Medienhype.

          Zu all dem fällt mir ein Zitat aus Beckett “Waiting for Godot” ein:
          Estragon “Wo believes him?”
          Vladimir: “Everybody. It’s the only version they know.”

          Hatte das als ein Motto zu einer Seminararbeit über die Gesetzgebung Sullas verwendet. Sulla hatte bekanntlich mit den Proscpritionen seine Gegner ausgeschaltet und konnte nun ohne Gegenwehr versuchen, seine Vorstellungen von einem idealen römischen Gemeinwesen in die Realität umzusetzen. Denn es gab nur noch seine Sicht der Dinge, die entweder geglaubt oder eben akzeptiert wurde, um nicht selbst noch umgebracht zu werden.

          Sollte es in Zukunft nur noch darum gehen, dass etwas gut ist, wenn mir es Influencer oder Prominente werbend unter die Nase reiben, dann wird die breite Mehrheit diese Produkte auch kaufen oder anschauen.

          Es wird immer Menschen geben, die selbst etwas entdecken möchten und gerade das Ungewöhnliche schätzen. Diese Menschen waren früher in einer Nische und werden es auch künftig sein. Aber wahrscheinlich werden es weniger, wenn diese Nische immer weniger finanzielle Möglichkeiten hat, selbst zu werben und sichtbar zu sein.

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  3. Gute Beispiele, ja! Wie die alten Roemer es so treffend formuliert haben: “Es gibt nicht Neues unter der Sonne”. Und doch klappt es immer wieder verblueffend gut, den Massen alten Wein in neuen Schlaeuchen anzudrehen :)

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