Das Land ist bereits seit einigen Tagen ein Sinnbild der unendlich scheinenden Wüste. Das Bild zeigt sich am Himmel, wenn Gewitterwolken und das Licht der bereits hinter dem Horizont verschwundenen Sonne orange-blaue Muster zeichnen. Langsam schwebt die Wüste dahin, verbindet das, was hier unwirklich scheinender Himmel ist und dort unwirklich scheinendes Land.
Wenn dort die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, meldet sich der Wüstenwind zurück, der tagsüber nicht sichtbar, nicht hörbar, nicht spürbar ist. Wer immer auch durch dieses Land einst lief, konnte seine Augen schließen und spürte mit dem Wind, dass der Tag unwiederbringlich beendet war.
Das Land würde nun kalt, denn der Wüstensand speichert keine Wärme.
Der Wind schwillt an zum tosenden Inferno. Er trägt die Stimmen abertausender längst verstummter Kehlen über jedes Sandkorn. Der Sand erhebt und senkt sich wie zum Gebet; der Sand wirbelt durcheinander: viele Wirbel, die sich vermischen, zu Boden sinken, sich erneut erheben, durcheinandergemischt, sich neu verteilen.
Die Wüste kennt keine Grenzen, nicht einmal Menschen.
Romantisch kann die Wüste nur nennen, der sie im Laufe seines Lebens erst kennengelernt hat. Ein Mensch, der Leere spürt und sie mit Leere füllen will. So rein erscheint sie nur nach außen. Denn innerlich kocht beständig das vergossene Blut, das nie ein Mensch vergessen kann, wer es einst gesehen. Wer inmitten des tobenden Sandsturms nach Sonnenuntergang kein Zuhause vermisst, sondern mit dem Sternenhimmel über sich zufrieden ist.
Hier ist der orange Himmel ein Tor zur gleichen Welt, das tausende Kilometer und einhundert Jahre früher entfernt als Wort und Bild in den Geschichtsbüchern steht. Ein einzelner Mann sticht oft heraus, wird oft besungen und verdammt. Zerrissen im Wollen und im Unvermögen war er selbst sich stets genug. Doch zerrten andere an ihm, und schließlich vermisste er das Zerren, wenn er wieder einmal die Wüste gesucht und gefunden hatte.
Was ist die Welt, wenn man sie nicht teilen kann?
Was ist das hier? Eine Hommage? Ein Geburtstagsgruß? Ein fernes Sehnen? Ein nahes Auflehnen? Der Himmel leuchtet nun schon wieder sein nächtliches dunkles Blau. Die meisten Sterne fehlen, die von den Wüsten dieser Welt so klar und ruhig strahlen. Wer möchte dort nicht sein? Wer möchte dort nicht nicht sein?
Das große Licht muss erst verschwinden, damit die vielen kleinen Lichter sichtbar werden können.
Wenn dort der warme, schließlich immer kühlere Wind aufflauht, sobald die Sonne sich für den Tag verabschiedet hat, beginnen hier die Grillen zu singen. Ein stetes Lied ohne Höhen, ohne Tiefen. Stoisches Zirpen schwillt an und trägt ihr Sehnen dem roten Himmel hinterher. Vielleicht ist es auch Schadenfreude, Gehässigkeit. Ein Tropfen Selbstüberschätzung in der Grillenmasse, die kein Individuum kennt.
Nicht so wie der Mensch, der wieder mal im Mittelpunkt steht. Im Diesseits; im Jenseits, und dessen Geist bereits seit hundert Jahren sich stets zum Sonnenuntergang als Wind erhebt.
© Dominik Alexander / 2023