Bereits im Zug nach Pirna war er mir aufgefallen. Ich war eine Station früher, in Dresden-Strehlen, in die S-Bahn gestiegen. Er kam in Dresden-Reick dazu. Ich hatte mich in den Gang gestellt, weil im Großraum für Fahrräder, Rollstuhlfahrer, ältere Leute mit Gehhilfe und Kinderwagen bereits eine Wand voller Fahrräder stand.
Er machte den Eindruck, als hätte er sich mit seinem Fahrrad auch hingestellt, wenn er in Pirna hätte aussteigen wollen. Das waren in Dresden-Reick nur noch etwas mehr als zehn Minuten. Und da an den Zwischenhalten immer an derselben Seite die Tür öffnete, stand man auch niemandem im Weg herum.
Doch offenbar wollte er weiter. Weshalb er sich setzte. Wie man das so macht, wenn ein Neuer dazukommt, beobachtete ich ihn ein wenig. Er war groß, aber sehr schlank. Trug auch eine schwarze Radlerhose. Sah sonst aber nicht wie ein Profiradler aus. Er schien der Typ ambitionierter Hobby-Rad-Veganer zu sein. Vielleicht etwas älter als ich, ein Tourenrad mit Helm deutete auf Naturgenießer hin. Er wollte vielleicht durchaus Kilometer machen, dabei jedoch noch die Umgebung wahrnehmen.
Mehr Gedanken machte ich mir nicht. Denn Pirna war heute mein Ziel. Kurz nach drei Uhr nachmittags schob ich mein Rad aus der S-Bahn in den Straßenverkehr hinein. Dann über die Pirnaer Stadtbrücke und schließlich am rechten Elbufer stromaufwärts auf der Jagd nach meinen letzten beiden, mir noch fehlenden Elbkilometerschildern 32 und 33.
Bei Kilometer 32 stank es am Elbufer nach Faulschlamm. Fische tauchten immer wieder auf, versuchten an der Luft zu ihrem Sauerstoff zu kommen, weil es im Wasser scheinbar keinen mehr gab. Das brackige Wasser versuchte alles Lebendige von sich zu stoßen.
Bei Kilometer 33 setzte sich ein älterer Herr mit seiner geistig beeinträchtigten Tochter zu mir auf die Bank. Wir unterhielten uns über Pirna, Dresden, die TU, Sonnenstein, russische Flugzeuge und Wahrsager. In dem Herrn steckte viel mehr Leben als in der Elbe.
Danach fuhr ich erneut über die Stadtbrücke von Pirna, ließ den Bahnhof jedoch rechts liegen. Machte mich auf zum Pirnaer Sportfest, um eine ehemalige Arbeitskollegin zu besuchen. Ich bekam herrlich kühlen Eistee, die Gemütlichkeit einer Gartenanlage und lebhafte Gesellschaft.
Doch die Wolken wurden dichter und dunkler. Auch der Abend rollte heran. Es war bereits kurz nach sieben Uhr abends, als ich mich wieder verabschiedete und zurück zum Pirnaer Bahnhof fuhr. Ein paar Minuten musste ich noch warten. Ich setzte mich kurz, bis ich mich von einem vollschlanken Herrn vertreiben ließ, der sich zu mir setzte und begann, eine Pizza zu essen.
Wenn man die Pizza nicht selbst isst, ist der Geruch kaum auszuhalten. Nicht aus Hunger. Vielmehr aus Ekel.
Also schnappte ich mir mein Rad und schob es ein Stück weiter, den Bahnsteig nach vorn. Mich trennten nur noch wenige Minuten von der Einfahrt meiner S-Bahn zurück nach Dresden, als der Mann von der Hinfahrt bei mir erschien. Die lange Gestalt mit dem weißen Fahrradhelm am Lenker und den schwarzen Radlerhosen an den schlanken Beinen war unverkennbar.
Da ich von den bisherigen Erlebnissen des Tages gut drauf war, sprach ich ihn an. Dass ich ihn von der Hinfahrt kennen würde. Und wo er denn seitdem gewesen sei. Auch er erinnerte sich an mich. Vielleicht auch an mein Fahrrad. Bis Bad Schandau sei er mit der S-Bahn gefahren. Und dann mit dem Fahrrad bis zur tschechischen Grenze. Und dann wieder zurück bis Pirna. Also bis jetzt. Eigentlich hätte er noch bis Dresden fahren wollen. Doch dafür ist er zu spät losgefahren.
Ich erzählte ihm von meinen Elbkilometerschildern, von den Tücken, sie vom Landweg aus zu erreichen. Dass ich bei jedem Schild so eine Art Gedicht schrieb. Wir unterhielten uns über die Flusskilometerschilder an Elbe, Rhein und Mosel und dass vor der Reichsgründung jedes Fürstentum vermutlich eigene Schilder mit eigener Kilometerzählung aufgestellt hatte. Dann unterhielten wir uns über Gedichte, ob Deutschland. Ein Wintermärchen eine Ode oder ein Epos oder etwas ganz anderes sei. Über die Schwierigkeit von Heinrich Heine, sein Werk rundum interessant zu gestalten, mit einheitlichem Versmaß. Wintermärchen ist selbstredend ein Klassiker, hat aber auch Schwächen.
Irgendwann drehte sich unsere Unterhaltung um Bekanntschaften im Zug. Dass sich heutzutage die meisten Menschen vereinzeln und sich unter klobigen Kopfhörern und hinter Smartphones verstecken. Früher sei er mit vielen Menschen ins Gespräch gekommen, heute kaum noch. Ich erzählte ihm von meiner zufälligen Begegnung mit einem Herrn aus Kassel, den ich nur traf, weil ich mir im Durchgangszug von Bochum nach Dresden über Kassel eine Platzkarte gekauft hatte. Dass ich mich damals mit dem Herrn von Bochum die gesamte Fahrzeit bis Kassel unterhalten hätte.
Wir kamen in kein wehmütiges Sinnieren; eher bedauerten wir die heutige Jugend, dass sie derartige Erlebnisse wohl seltener haben wird als wir in ihrem Alter. Zufällige Bekanntschaften, die so großartig sind, aber davon leben und genau deshalb so großartig sind, weil man sich gerade nicht wiedersieht.
Kurz vor Dresden-Reick fragte ich trotzdem nach seinem Namen. Ich bin Alexander; ich heiße Rainer. Beim nächsten Halt der S-Bahn stieg er mit seinem Fahrrad aus. Als ich eine Station später hinaus ins Freie trat, entließen die dunklen, schweren Wolken bereits ein paar Tropfen auf meine Mütze und meine Haut.
© Dominik Alexander / 2023
Typ ambitionierter Hobby-Rad-Veganer :) In dem Herrn steckte viel mehr Leben als in der Elbe. :) :)
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Freut mich, dass Du ein paar lohnende Bonmots finden konntest :)
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