Das Leben kennt keine Absätze

Die deutsche Rechtschreibung. Sprachtipps. Rechtschreibung. Das Fremdwörterbuch. Das Synonymwörterbuch. Fremdwörter (ein Brockhaus Ergänzungsband). Diese Bücher schauen mich an, wenn ich über den oberen Laptoprand hinaus ans Ende meines Holztischs schaue. Der schwarze Arm der Tischlampe hängt über dem Bildschirm, beleuchtet jedoch nicht noch zusätzlich die Szene. Die kleine Palme in ihrem braunen Topf steht bereits nahe dem Fenster, neigt sich jedoch trotzdem noch weiter hin. Tagsüber will sie zum Licht, das sie nur bis gegen Mittag bescheint. Dann dreht sich die Erde weiter und lässt die Sonne links liegen.

Was ich mit all dem sagen will? Es deutet eine Beschreibung an. Der Anfang einer Beschreibung eines Raums, in den ich gedanklich Dinge stellen, an die ich wiederum Wörter, Namen, Szenen, Bilder, Verknüpfungen, Verbindungen pinnen kann. Und doch ist es nur eine Beschreibung des realen Raums, in dem ich gerade sitze. Die Zeit ist mal wieder weit fortgeschritten für diesen Tag. Eine halbe Stunde habe ich noch. Mir fiel mal wieder nichts ein.

Also schreibe ich drauflos.

Setze Absätze, wo sie mir lustig erscheinen.

Oder bedeutungsschwer.

Wo der Leser innehalten soll, zu Atem kommen nach all den Sätzen mit Rhythmus, vielen Kommata, aber wenigen Punkten.

Er soll sich dabei einen Raum vorstellen, in dem es eine oder auch mehrere Pflanzen gibt. Viele Bücher; nicht nur die, die ich gerade sehe und die nur eine Ansammlung von Wörtern sind; in meinem Rücken stehen noch viel mehr. Sie stapeln sich und tragen alle ihren individuellen Namen.

Leicht links von mir hängen vier Bilder an der Wand, die eine karge Fjordlandschaft zeigen, zu einer Zeit, ebenfalls recht fortgeschritten am Tag – gerade noch so am Tag – die Sonne erkennt man schon nicht mehr. Alles ist warm rot und dunkelt langsam vor sich hin. Um die Bilder zu sehen, muss ich kurz aufschauen. Wenn ich aufschaue, suche ich eine andere Perspektive.

Im Raum ist es blass grün. Ich bin von Büchern umgeben: im Rücken, an der linken Seite, vor mir. Die Pflanze schaut zum Fenster an meiner rechten Seite heraus, wartet auf die morgige Morgensonne, hofft, dass sie sie nicht vergisst. Die Tischlampe senkt ihren Kopf vor mir oder schaut einfach nur auf dem Bildschirm, was ich hier so tippe.

So in etwa sieht mein Raum aus.

Wenn ihr euch allerdings einen Raum vorstellt, dann ist er am besten ganz leer. Es muss kein menschengemachter Raum sein. Es kann eine Fjordlandschaft sein. Eine grüne Lichtung im Wald. Dorthin könnt ihr Bäume stellen. Einen Kirschbaum, einen Ahorn, eine Birke hinter ein Steinkreuz, einen Apfelbaum. Ihr könnt zwischen zwei Bäume eine Hängematte spannen und von dort den Vögeln zusehen, wie sie sich für den Flug nach Süden sammeln. Ihr könnt die Schwärme Figuren formen lassen: einen großen Schmetterling, einen Saurier, einen Zahn, einen Pilz.

Und wenn ihr einen ganz miesen Tag hattet, dann stellt euch euer Büro vor, euren Chef im Clownskostüm in einem viel zu kleinen Stuhl sitzend, eine große Diskokugel, die von der Decke hängt, einen großen Kühlschrank mit Magneten von euren Urlaubszielen – bereits besuchten und geplanten. Auf eurem Schreibtisch liegt eine Tüte Gummibärchen. Und aus der nehmt ihr nun immer wieder ein Bärchen und versucht, es in den großen roten Mund eures Clownchefs zu werfen.

Das stellt ihr euch kurz vor dem Einschlafen vor, und ich wette mit euch, dass euer nächster Tag kein mieser sein wird.


        © Dominik Alexander / 2023
        © Alexa (image)

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