Treibsand

Wir schlingern ums Haff und stranden vorm Südhang; kurz nach zehn. In ein paar Stunden wird sich der Mond verdunkeln; nur ein wenig, so dass er wie von einer Maus aus der Kombüse angenagt aussieht. Dann stehen wir und versuchen, die Wolkendecke mit unseren Gedanken wegzuschieben. Weil wir die angenagte Ecke sehen wollen. Unbedingt den finsteren Zipfel des Mondes. So warten wir im Wind, Augen nach oben, der Nacken schon ganz steif.

Der Treibsand holt uns überall ein. Da können wir in die Höhle kriechen – er kriecht uns nach. Die Krebse schaufeln ihn sich mit ihren Scheren in die Muschelbehausung. Da leuchtet ein roter Strand im etwas blasseren Mondenschein. Ist ja kaum zu unterscheiden: der Mond im vollen Sonnenanglanz; der unvollständige Mond mit dem Stück Erdschatten auf der blassen Scheibe. Wir versuchen es ja. Doch wir haben nur unsere eigenen Augen. Und die waren dem Menschen noch nie genug.

Denn der Treibsand hat sich auch vor unsere Augen gelegt. Er klammert sich nass an unsere Stiefel, zerrt an ihnen und wird dabei ganz schmutzig. Nimm mich, haucht er; pack mich, droht er lauter. Sonst pack ich dich und nehme dich mit unter Wasser. Zuerst unter die Erde. Da kannst du bei den Würmern sein – bei Deinesgleichen. Natürlich rühren wir uns nicht, denn die Sprache des Treibsands ist uns fremd.

Früher war der Ozean ein Gezeitengewimmer. Jetzt flimmert hier nur noch die Wolke vor dem partiell verfinsterten Mondgemälde. Die Glocke bricht und stürzt sich auf uns, auf den Treibsand, auf das Meer. Die Glocke verschlingt, und wenn ein Teil von ihr auf dem Rücken landet, schleppen sich die letzten Körnchen trockenen Treibsands in die durchsichtige Schüssel.

Treibsand. Sprich dieses Wort ein paar Mal vor dich hin, bis du anfängst zu träumen. Schließe deine Augen. Denke an die Farbe Blau. Sie braucht ein wenig, um vor deinem geistigen Auge zu erscheinen. Doch nach einer Weile wirst du nichts anderes mehr sehen. Wenn du an noch keine Farbe denkst, wirst du Rot sehen, vielleicht Orange, selten Gelb. Versuche dich an Grün, und du wirst scheitern. Zuweilen taucht ein Strudel ins Blau, der grünlich flackert. Das sieht aus wie eine Aurora borealis, doch sie etabliert sich nicht. Grün ist im Geistigen schwer zu sehen, weil es real nicht mehr existiert.

Alles ist nur noch Treibsand. Er kriecht zwischen die Zehen und zwischen die Zähne. Wenn ich gähne, sehne ich mich nach dunkelblauem Wasser in den Kniekehlen, der den Treibsand wegspült – gegen den Horizont, ins Nirgendwo.

Ich wollte Grün sehen und bin gestört worden. Der Strudel verschwimmt wieder zu Blau. Der Treibsand hat das Grün verschlungen. Mit ihm bald alle Menschen, Tiere, Pflanzen. Dann sieht bald niemand mehr den Mond verdunkeln, denn Schatten gibt es dann nur noch, wenn du deine Augen schließt.


        © Dominik Alexander / 2023
        © williamada (image)

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