Croissant für ein Brötchen mit Ei

Er schleicht sich von der Seite an. Nein, schleichen ist nicht ganz das richtige Wort. Er kommt von der Seite, drückt sich aber immer weiter an der Theke entlang. Ignoriert mich, der sich nicht direkt an die Theke geklebt hat.

Ich bin nicht so der Klebertyp. Auch kein Thekenläufer. Erst recht kein Mitläufer. Wahrscheinlich glaubt er, dass ich sein Drängeln und Vorbeischieben tolerieren würde. Immerhin haben die Jungen den Alten so viel zu verdanken: den Zweiten Weltkrieg, den Kalten Krieg, den Antisemitismus.

Jedenfalls toleriere ich heute nicht. Denn ich war vor ihm da. Der Bäckerraum ist schmal; die Kundschaft steht kompakt; prinzipiell weiß jeder Kunde, wann die anderen gekommen sind und wer wann dran ist. Zwei Kassiererinnen stehen an der anderen Seite, dem Publikum zugewandt. Eine mir gegenüber, die andere rechts von mir.

Es geht immer abwechselnd; zwei Schlangen lässt der kompakte Verkaufsraum nicht zu. Man ordnet sich irgendwie an, gerade wie es eben kommt. Und jetzt denkt der ältere Herr eben, dass er drankommt.

Er setzt an; ich weiß nicht mehr, was er zuerst wollte. Denn da habe ich mich schon bei ihm bemerkbar gemacht. Eben proaktiv, weil ich zuvor schließlich Luft für ihn war. Also informiere ich ihn darüber, dass ich vor ihm dran bin. Mache das natürlich in einem durchaus höflichen, aber dennoch bestimmten Ton. Es soll weder überheblich noch aggressiv noch rechthaberisch klingen.

Ein schmaler Grat, von dem ich geradezu regelmäßig hinabstürze – in eine Pfütze voller selbstgerechtem Schlamm. Nun bin ich deutlich als überheblicher Typ, aggressiver Hanswurst und rechthaberischer Snob erkennbar. Fühle mich etwas unwohl, lasse mir das aber nicht anmerken. Immerhin war ich wirklich vor ihm dran.

Und überhaupt will ich ja nur ein Croissant. Vielleicht noch ein Rosinenbrötchen dazu. Was ist das denn da für ein Kuchen? Sieht aus wie Käsekuchen. Sind da Mandarinen drin? Ach, nein, dann will ich das doch nicht. Aber irgendwas Kuchenartiges vielleicht. Kann ich hier mit Karte bezahlen? Gut, dann nehme ich noch ein Weißbrot. Sie haben doch normalerweise immer so belegte Brötchen. Die hatte ich vorhin gar nicht gesehen. Ach, sie haben frische gemacht? Haben Sie welche mit Ei? Dann nehme ich noch so eins. Und die Puddingschnecke hier. Und das war’s auch schon.

Früher, als ich noch jünger war, hatte ich meist das Glück, dass ich an der Käsetheke oder an der Wursttheke hinter einer älteren Frau stand, die von allem immer nur eine Scheibe probieren wollte. Sich, bis sie sich entschieden hatte, aber immer nicht so ganz sicher war, ob sie das wirklich wollte. Bei jeder einzelnen Scheibe. Was ist das dort? Aha. Ist das gut? Mh. Wie finden Sie das denn? Ach, ich weiß nicht. Vielleicht eine Scheibe. Ja, ich glaube, ich nehme eine Scheibe. Oder was sagen Sie? Ja, probieren kann ich das ja mal. Na gut, dann packen Sie mir davon mal eine Scheibe dazu.

Zu den bereits ausgewählten sechs anderen Scheiben.

Jetzt stand ich jedenfalls selbst am Kopf der Schlange, packte mein Zeug ein, während sich beide Schlangen um mich herum wild stapelten. Der frühe Morgen hat es heute besonders in sich. Die Luft ist zum Schneiden. Im Grunde sind alle gleichzeitig glücklich und hassen es, mit diesen anderen Menschen in der Bäckerei zu sein. Doch was will man machen? Der Wecker hat mal wieder zu spät geklingelt. Die Kinder haben sich zu lange im Bad eingeschlossen. Am Sonntag schon mal Essen für die gesamte Arbeitswoche vorkochen? Das ist vielleicht etwas für organisierte Menschen mit Zwanzig-Stunden-Job. Beim Bäcker stehen am frühe Morgen die Vierzig-Stunden-Jobbler, der ältere Herr und ich nun nicht mehr.

Nachdem ich mich an den anderen zur Ausgangstür vorwärtsgequetscht habe, stehe ich draußen und atme erst einmal guten Autoabgassauerstoff ein. Noch einmal. Noch zweimal. Dann kehrt so langsam mein Verstand zurück. Weshalb habe ich das Weißbrot gekauft? Wenig später sollte ich die Puddingschnecke verfluchen, weil die so reichhaltig mit Pudding zugekleistert war, dass sie mir damit nun den Innenraum meines Rucksacks verschmierte. Kuchen hatte ich auch erst am Wochenende kaufen und essen wollen.

Eigentlich hatte ich lediglich ein Eibrötchen gewollt. Für das Croissant hatte ich mich nur deshalb als erstes entschieden, weil ich noch kein Eibrötchen gesehen hatte. Danach war ich bereits mit dem Herrn beschäftigt gewesen und hatte nicht mehr gesehen, wie der Nachschub an Eibrötchen in die Theke geschoben worden war.

Was ein Kompensationskauf sein sollte, war zum Frustkauf geworden. Ich verfluchte mich; ich verfluchte den alten Mann; ich verfluchte das Eibrötchen, das Croissant, alle anderen Bäckereikunden und sowieso das gesamte Universum.

Erst dann ging es mir wieder gut. Und nachdem ich das Eibrötchen gegessen hatte. Und die Puddingschnecke. Und vielleicht sogar auch das Croissant.

Über das Weißbrot betten wir aber dann lieber doch die Nebelkerze des Schweigens.


        © Dominik Alexander / 2023
        © Foodie Factor (image)

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