mit einem Lied auf den Lippen
versuch ich mich in den Morgen hineinzuschieben
einen Montag
der ebenso beginnt
wie die meisten Montage zuvor
seit ich hier wohne
regelmäßig eine Distanz zu bewältigen habe
um für Geld zu arbeiten
ich bin ja selbst schuld
wenn ich die Bahn wähle
auf den immer gleichen Schienen
in die ausdruckslosen Montagsgesichter schaue
deshalb setze ich auch die Brille ab
und schreibe
die tonlose KI-Stimme sagt die Stationen an
monoton
ohne Enthusiasmus
vielleicht habe ich auch deshalb
willentlich
die erste Bahn verpasst
habe sie wegfahren lassen
vor meinen Augen
hätte ein Stück rennen können
um sie noch zu kriegen
habe jedoch gleichzeitig an Nietzsche gedacht
oder mehr an dessen Vater
der ihm sagte
als er noch ein kleiner Junge war:
du sollst nicht rennen
das ist unfein
für Nietzsches Vater war das wohl das elfte Gebot
und für den Jungen eine Tortur
unter brechendem Regen würdevoll zu schreiten
ohne dabei würdelos auszusehen
also lief auch ich würdevoll
bis zur übernächsten Haltestelle
genoss die frische
fast schon wieder warme Luft des Morgens
mochte es
dass mich die Sonne noch nicht blenden konnte
lief den halben Weg zur Arbeit
und fuhr den Rest des Weges doch noch mit der Bahn
mit Maske auf der Nase
als Einziger
viele husteten um mich her
doch wie gesagt
es störte mich nicht sehr
denn ich schrieb
zunächst nur Worte
dann Wortgruppen
schließlich Versatzstücke
und Sätze
Gedanken formten sich
und als der letzte sich Bahn brach
kurz vor dem Beginn einer Geschichte
musste ich aussteigen
klappte mein Notizbuch noch im Gehen zu
und begab mich
nein
nicht ans Weiterschreiben —
an die Arbeit.
© Dominik Alexander / 2023
© Samuele Schirò (image)