Partys, Lächeln und Feuerwerk

Roy Keane hält Partys, Lächeln und Feuerwerk für gnadenlos überschätzt. In meinem Kommentar habe ich ihm unwidersprochen zugestimmt. Denn viele Menschen nutzen das Lächeln als Maske. Doch es gibt eine andere Art Lächeln, das mir heute Nachmittag begegnet ist und das gar nicht hoch genug geschätzt werden kann. Eine Fotoreportage.

Kurz vor dem Scheitelpunkt und kurz nach meinem letzten Arbeitstag in diesem Jahr und noch immer mit diesem hartnäckigen Corona-Husten aus der Lunge, bin ich dennoch auf dem Weg zum Blauen Wunder, der östlichsten Brücke im Dresdner Stadtgebiet. Die Sonne scheint, die Temperaturen sind zweistellig, und der Hochwasser-Tourismus ist an seinem Höhepunkt. Auf dem Elberadweg auf der rechten Seite flussabwärts kommt man heute nicht sehr weit. Kurz hinter der halbherzigen Absperrung steht bereits das Wasser auf der ehemaligen Via Appia.

Es ist bereits spät; der frühe Sonnenuntergang kündigt sich bereits an, als ich am Käthe-Kollwitz-Ufer entlang in Richtung Innenstadt unterwegs bin. Mein nächstes Ziel heißt Albertbrücke. Dort, wo am Samstag üblicherweise Markt ist, gurgelt nun das Elbwasser leise vor sich hin. Es liegt bei knapp unter sechs Metern. Sehr viel höher wird es in diesem Jahr nicht. Die Hochwassersicherungen halten. Großer Schaden wird nicht erwartet. Deshalb wagen sich auch hier einige Menschen so weit es geht vor. Auffällig viele Familien mit sehr kleinen Kindern sind dabei. Hochwasser gucken ist scheinbar ein lohnendes Freizeitereignis.

An der Bronzeplastik des Bogenschützen war der Katastrophen-Tourismus besonders intensiv. Deshalb bin ich schnell an der Sächsischen Staatskanzlei vorbeigefahren und wollte zuerst direkt auf die Carolabrücke, um dort mein eigentliches Ziel abzulichten: das Elbkilometerschild 55. Spontan entscheide ich mich um, als ich das Schild von oben mitten im Elbwasser stehen sehe. Ich schließe also mein Fahrrad bei der Kanzlei ab, laufe die Freitreppe hinunter auf den noch gangbaren oberen Weg, mache ein paar Fotos, packe meine Kamera ein und laufe dann zurück zu meinem Rad.

Und hier sehe ich das Lächeln, das meinem eigenen begegnet. Einmal wieder kommt mir Torsten Ranft entgegen. Wie oft er mir in diesem Jahr bereits zufällig über den Weg gelaufen ist. Überall im Dresdner Stadtgebiet; öfter noch als im Theater. Er kommt mir joggend entgegen. Es sind vielleicht nur drei Sekunden, doch in diesem kleinen Zeitfenster geschieht so vieles, das ich das hier und jetzt noch gar nicht aufschreiben kann: eine ganze Theorie oder Philosophie des Lächelns. Denn ich erkenne ihn natürlich sofort. Ich bin nun nicht der Typ, der einen Prominenten erkennt, seinen Namen schreit und hysterisch auf ihn zufliegt, um ihn zu umarmen. Doch sein Blick fällt auch auf mich, unsere Augen treffen sich. Scheinbar erkennt auch er jemanden, dem er ständig zufällig über den Weg läuft. Hier und heute einmal ganz im Wortsinn. Und so bleiben wir aneinander hängen. Schnell versuche ich ein Lächeln, flüchtig nur, erkennend. Da lächelt er auch, und ist schon an mir vorbei. Wie ich an ihm. Ich schließe mein Rad ab, packe die Tasche darauf, fahre auf die Carolabrücke, lichte mein Schild 55 ab und fahre nach Hause. Doch dieses Lächeln bekomme ich einfach nicht mehr vom Gesicht.


        © Dominik Alexander / 2023

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