Wir sind Kinder unserer Eltern. Das mag wie eine Plattitüde klingen und bei oberflächlicher Betrachtung nichts aussagen – außer dem offensichtlichen. Doch nachdem ich mich in Vorbereitung auf diese Midissage durch die handschriftlichen Aufzeichnungen vom letzten gemeinsamen Urlaub mit meinen Eltern gequält hatte, kam mir dieser Gedanke als erschütternde Quintessenz meiner Lektüre.
Ich stelle an mir immer wieder fest, dass mir die meisten Ideen kommen, wenn ich in Bewegung bin, mich also selbst bewege, zu Fuß, auf dem Fahrrad. Mir fällt weniger ein im Auto, im Zug; im Flugzeug habe ich lange nicht gesessen. Am wenigsten fällt mir ein, wenn ich zu Hause auf dem Sofa sitze.
Immer wieder höre und lese ich in letzter Zeit von der sogenannten schweigenden Mehrheit, dass sie nicht verstünde, was sich da gegenwärtig zusammenbraut, dass sie aufgeklärt werden müsse, um es zu verstehen. Das Volk als unmündiger Bürger, der zu dumm ist, um sehen zu können und sich nicht dagegen wehrt. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Die meisten Menschen verstehen durchaus, was passiert. Sie sehen in erster Linie einen Kanzler, der schweigt und einen Vizekanzler, der die Reden hält, die eigentlich der Kanzler halten müsste. Der Kanzler verhält sich wie die sogenannte schweigende Mehrheit. Wobei ich ihm unterstelle, dass er versteht, was aktuell geschieht.
Was ihn hindert, ist vermutlich Angst. Was ist, wenn die AfD nach einem Verbotsverfahren noch größer wird? Kann man sie bei ihrer Größe überhaupt verbieten? Scheinbar muss man Parteien jedenfalls nicht verbieten, wenn sie zu klein und zu unbedeutend sind, dass von ihnen noch eine Gefahr ausgehen könnte. Dennoch wurde damals bei der NPD ein entscheidender Fehler gemacht. Ja, sie ist wieder klein und unbedeutend geworden. Dennoch hätte man hier auf der Grundlage von Artikel 18 des Grundgesetzes einen Präzedenzfall schaffen können. Ich zitiere den hier mal:
Art. 18 GG
Wer die Freiheit der Meinungsäußerung, insbesondere die Pressefreiheit (Artikel 5 Abs. 1), die Lehrfreiheit (Artikel 5 Abs. 3), die Versammlungsfreiheit (Artikel 8), die Vereinigungsfreiheit (Artikel 9), das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis (Artikel 10), das Eigentum (Artikel 14) oder das Asylrecht (Artikel 16a) zum Kampfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung mißbraucht, verwirkt diese Grundrechte. Die Verwirkung und ihr Ausmaß werden durch das Bundesverfassungsgericht ausgesprochen.
Man muss eine verfassungsfeindliche Partei also nicht verbieten, wenn sie zu klein ist. Man soll eine verfassungsfeindliche Partei also nicht verbieten, wenn sie zu groß ist. Wofür steht dieser Artikel dann? Wofür gibt es das Grundgesetz? Diese Fragen werden sich die Verfassungsfeinde der AfD gewiss auch schon gefragt haben. Und mehr noch: Wenn das Grundgesetz eher ein Leitfaden als ein Gesetz ist, wird es umso leichter sein, diesen Leitfaden nach der Machtübernahme zu ersetzen.
Aktuellen, selbstverständlich nicht repräsentativen, Umfragen zufolge, steht die SPD um Kanzler Scholz gegenwärtig bei drei Prozent Zustimmung. Für die SPD kann es also kaum noch schlimmer werden, was auch am Stillstand ihres Kanzlers liegt. Ist das schon lähmende Angst, überbordende Ratlosigkeit oder noch schlimmer: geistiger Stillstand?
Über Jahrzehnte eingemauert zu sein, macht etwas mit einem Menschen. Er will seine Freiheit, weiß aber gar nicht, was das bedeutet, wie er mit ihr umgehen soll. Ein DDR-Bürger hatte sich irgendwann mit seinem Schicksal abgefunden und gelernt, auf seinem kleinen Radius Existenz zu überleben. Wer beim Unrecht mitmacht, hat es natürlich gut. Denn das, was wir heute Unrecht nennen, war damals Recht. Immerhin hat die sogenannte schweigende Mehrheit damals vierzig Jahre gebraucht, um aus ihrer lähmenden Angst heraus doch noch den friedlichen Aufstand zu wagen. Oder sagen wir besser: Zuerst hat sie vier Jahre gebraucht – von 1949 bis 1953 – und dann aus der entstandenen Angst heraus noch einmal sechsunddreißig Jahre.
Aus einer angelernten Angst heraus reagiert es sich schlecht. Die Befehlsempfänger von früher sollten nun selbst tätig werden. Nicht als Werktätige, sondern als Selbsttätige ihr neues Land gestalten. Doch diese Entscheidung wurde ihnen schnell wieder abgenommen. Der dicke Mann aus Bonn versprach sogenannte blühende Landschaften, und die Menschen glaubten es, weil sie belogen werden wollten. So wie sie heute belogen werden wollen. Sie glauben den Versprechungen der AfD-Kader auf ein besseres, schöneres – größeres? – Deutschland, so wie US-amerikanische Menschen dem dicken orangenen Mann mit dem lächerlichen Taubennest auf dem Kopf geglaubt haben, immer dann, wenn er mantrahaft wiederholt hat, er würde „America great again“ machen.
Was genau unter diesen Versprechungen zu verstehen ist, ist nie klar. Was genau waren für Helmut Kohl seine blühenden Landschaften? Eine bunte Blumenwiese war es doch wohl nicht. Denn wie sollten damalige DDR-Bürger davon satt werden und zufrieden leben? Oder war er gerade in Bitterfeld gewesen, was damals dreckiger aussah und ekelerregender roch als das gesamte Ruhrgebiet in den 1970er Jahren. Da wären blühende Landschaften tatsächlich ein Fortschritt gewesen, aber eben lange noch nichts, wovon man leben kann.
Überhaupt sollten Politiker und Journalisten damit aufhören, Bürger wie kleine Kinder zu behandeln, die an die Hand genommen und durchs Leben geführt werden müssen, als könnten sie sich nicht einmal selbst die Schuhe binden oder die Nase putzen. Die meisten Menschen wissen Bescheid und kennen ihre Bedürfnisse, was sie zum Leben brauchen, was ihnen wichtig ist, was ihnen Freude macht.
Noch während ich diese Zeilen schreibe, sehe ich vom Zug aus, wie in Großharthau auf einem Hügel eine Gruppe von Menschen steht: ein erwachsener Mann und drei Kinder von sichtbar unterschiedlichem Alter. Das gesamte Land ist hier von Schnee bedeckt; auch der kleine Hügel. Als wir an ihnen vorbeifahren, greifen sie sich gerade Schnee, formen ihn zu Bällen und schmeißen sie kurz darauf in Richtung Zug.
Welches Bedürfnis wird hier erfüllt? Die Lust daran, die eigene Blödheit auszuleben? Das eigene Vergnügen, anderen Menschen Angst einzujagen? Oder das Bedürfnis, auf einfache Art Dinge, die andere Menschen geschaffen haben und die einem selbst nicht gehören, die man sich selbst nicht leisten kann, zu zerstören? Ist es Langeweile oder Perspektivlosigkeit, das dieses Verhalten hervorruft? Die Mutmaßung, abgehängt zu sein, sich nicht beteiligen zu können und deshalb unberechenbar zu agieren, um nicht greifbar und damit angreifbar sein zu können?
Draußen ist ein weißes Land. Terra alba incognita. Früher, also ganz früher, wurden noch unbekannte Länder und Landstriche auf der Weltkarte weiß belassen. Manchmal habe ich den Eindruck, als würden Politiker in Berlin einige Landstriche im Osten wieder so sehen. Terra alba incognita – von den Menschen nicht verstanden, nur mit verdrehten Augen beäugt, mit Worten verunglimpft, als minderbemittelt abgestempelt.
Unsere ostdeutsche Sozialisation bestand grob darin, dass alles vorgegeben war, um erledigt zu werden. Seid bereit – immer bereit. Doch wofür eigentlich? Wenn es nicht klar gesagt wird, dann vermutlich für alles; für jeden Ernstfall, Kriegsfall, Endfall. Den paramilitärischen Drill gab es bereits in der Grundschule. Immerhin gilt das sozialistische einer für alle; alle für einen für gute wie für schlechte Zeiten.
Man kann eine Sprache theoretisch lernen. Doch man braucht die praktische Anwendung, um sie zu verinnerlichen. Ebenso verhält es sich mit der Demokratie. Wer nur darüber liest, sie übergestülpt bekommt, sie nicht selbst gestaltet und sich nicht beteiligt, wer die Demokratie nicht lebt und sich nicht engagiert, wird sie nicht verinnerlichen, leben oder gar für gut heißen.
Die Eltern verhalten sich auf eine bestimmte Weise und wir reagieren mehr und mehr darauf, anstatt nur mitzumachen, je älter wir werden. Wir werden selbständig, seilen uns ab, hinterfragen und entwickeln so im Zwiegespräch mit den Eltern und uns selbst eigenes Verhalten, eigene Lebensmuster, eigene Ideale, eigenes Erleben. Jedenfalls dann, wenn man über den Tellerrand schaut. Über das Elternhaus hinweg in die Welt hinein. Das war in der DDR und der begrenzten Reichweite der damaligen Medienlandschaft kaum möglich, jedenfalls nur sehr eingeschränkt. Hat die meisten von uns allerdings auch nicht sehr gestört. Immerhin waren wir bei der Wende erst elf oder zwölf Jahre alt.
Im Sommer des Jahres 1996 war ich fast neunzehn. Einen Monat später sollte meine Lehre bei der Deutschen Bahn beginnen. Zuvor also letzter gemeinsamer Urlaub mit den Eltern. Wir fuhren mit dem Zug nach Südfrankreich, um dort den Canal du Midi zwischen Agde und Carcassone auf einem Hausboot zu erkunden.
In Narbonne ereignete sich eine dieser Episoden des Erwachsenwerdens, die das Selbst vom Mitmachen als Kind zum Selbstgestalten als Erwachsener führt. Ich hatte am frühen Abend keine Lust mehr gehabt, mit meinem ewig über sein Essen nörgelnden kleinen Bruder und meinen darüber viel zu nachsichtigen Eltern zum Abendessen noch einmal in die Stadt zu gehen. Also blieb ich in unserem Hausboot am Hafen.
Just zu diesem Zeitpunkt erschien ein Gendarm. Verstecken half nichts mehr; er hatte mich bereits entdeckt. Selbstverständlich sprach er mich zunächst auf Französisch an. Spätestens da verfluchte ich mich selbst dafür, mich am Gymnasium für Latein und damit gegen Französisch entschieden zu haben. Versuchte allerdings nicht, dem Gendarm auf Latein zu antworten, sondern mit einem fragenden Gesicht. Den Begriff „ausmerkeln“ gab es 1996 noch nicht. Was ich versuchte, kam dem jedoch sehr nahe. Ich wollte die Konfrontation so lange aussitzen, bis sie sich erledigt hatte, sprich: der Gendarm von selbst wieder abzog. Das funktionierte jedoch nicht; der Gendarm blieb da und hartnäckig.
Wir versuchten es also auf Englisch, das ich zum damaligen Zeitpunkt nur ähnlich rudimentär wie er beherrschte. Dennoch verstanden wir uns jetzt. Er wollte Namen, Anzahl und Herkunft der Besatzung für die Statistik und informierte mich, dass die erste Nacht im Hafen für uns kostenfrei sei. Wollten wir länger bleiben, müssten wir eine Gebühr entrichten. Unser Kahn hieß „Porky Pig“. Das hat er gewiss auch notiert.
Man seilt sich ab und spürt zum ersten Mal so richtig, was es bedeutet, Verantwortung übernehmen zu müssen für andere Menschen, die nicht für sich selbst sprechen können. Andererseits wird man von fremden Menschen endlich ernst genommen. Man spricht mit Erwachsenen und wird als solcher behandelt. Gut, ich war allein auf dem Kahn; der Gendarm musste also nehmen, wen er vorfand. Dennoch hat es irgendwie funktioniert, sogar trotz Sprachbarriere.
Aus dieser kleinen Episode habe ich – jetzt im Rückblick betrachtet – bereits die drei wichtigsten Lektionen für das zwischenmenschliche Zusammenleben kennengelernt:
Erstens: Wenn Ausmerkeln nichts bringt, gehe offensiv an die Sache heran.
Zweitens: Funktioniert nicht gibt es nicht. Auch große Herausforderungen kann man meistern, wenn man sie angeht. Jedes mal lernt man dazu bzw. wird besser in dem, was man tut.
Drittens: Reden hilft. In neunundneunzig Prozent aller Konflikte, Herausforderungen, Konfrontationen. Einzige Voraussetzung: Beide Seiten müssen es wollen.
Ein Kanal, also ein von Menschen angelegter oder modifizierter Fluss, besitzt in unregelmäßigen Abständen etwas, das Nutzenden dem Innehalten einerseits, zusätzlicher Herausforderung andererseits dient: Schleusen. Es gibt einfache Schleusen, Doppelschleusen, Mehrfachschleusen. Am Canal du Midi gibt es eine vielseitige Mischung aus vielfältigen Schleusen. Im großen Ganzen dienen sie dazu, Höhenmeter im Gelände auszugleichen.
Ein natürlicher Fluss sucht sich sein Bett und schlängelt sich entsprechend durch die Landschaft. Soll es gerade sein, müssen natürliche Schikanen wie Berge und Täler überwunden werden. Und weil die Architekten hier immerhin so schlau waren, sich nicht durch die Bergwelt zu graben und Täler zu überbrücken, müssen die Touristen auf ihren Booten nun die Arbeit verrichten.
In und um die Schleusen herum lernt man jedoch viel über andere Menschen. Es ist wie in einem demokratischen Staat: Man trifft unwillkürlich auf fremde Menschen mit ihren Talenten oder Untalenten. Man versucht zu helfen; lässt sich helfen. Man tauscht sich aus oder ignoriert die anderen. Stets ist es ein neu Kennenlernen, Sondieren, Abwägen und Auseinandergehen.
Auf dem Canal du Midi habe ich gespürt, dass ich erwachsen werde. Ich wollte mich mit diesen anderen Menschen viel mehr austauschen. Mein Vater wollte immer nur weiter und irgendeinen Zeitplan einhalten. Mein Vater wollte Kulturdenkmale abhaken; ich wollte sie entdecken. Kommunikation ist für ihn Einholen von Informationen; für mich ist sie ein Instrument des Kennenlernens im Sinne von Kennen einerseits und Lernen andererseits. Oft geht beides miteinander einher.
Als wir in Carcassone angekommen waren, war gerade der 14. Juli – der französische Nationalfeiertag und Erinnerung an den Sturm auf die Bastille im Jahre 1789, der Beginn der französischen Revolution und der modernen Demokratie. Um zwanzig Uhr begann ein konzertiertes Feuerwerksspektakel über der Altstadt. Viele Menschen waren zusammengekommen, um es gemeinsam zu erleben und ihren Tag zu feiern.
Für uns war es ein schöner Abschluss dieses Urlaubs. Seitdem habe ich ein Feuerwerk wohl nicht mehr so genossen. Heutzutage – vor allem in Dresden – sind Feuerwerke beliebig und keine Besonderheit mehr. Gleiches scheint für die Demokratie zu gelten. Obwohl mir Menschenansammlungen normalerweise zuwider sind, werde ich morgen um vierzehn Uhr dennoch auf dem Dresdner Schlossplatz sein, um für unsere Demokratie einzustehen, die mir vor der Altstadt von Carcassone im Jahre 1996 unmittelbar zum Greifen schien.
Ich wünsche euch allen eine anregende Midissage.
© Dominik Alexander / 2024
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