Ein aggressives Schweigen liegt über dem Land. Je älter ein Mensch wird, umso wortkarger läuft er an seinen Mitmenschen vorbei. Augenkontakt erlaubt er nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Und dann auch nur bei einer Konfrontation. Macht das der Schnee mit den Menschen? Die Wut über das nicht angesprungene Auto am Morgen muss irgendwo hin. Doch wie? Mit wem kann man hier sein Leid teilen? Das gemeinsame Leid teilen und darüber lachen; wäre das schön!
Stattdessen stapft jeder nur immer aggressiver weiter, rempelt hier jemanden an, motzt dort jemanden voll. Niemand fühlt sich dadurch besser. Jeder steigert sich immer nur tiefer in seinen Selbsthass hinein, der ja originär nie ein Hass auf andere war. Der Ursprung ist immer das eigene Leid. So leicht ließe es sich auflösen, wenn der Mensch nur erkennt: Ich bin gar nicht allein. Andere kennen das auch. Ich muss das gar nicht in mich hineinfressen und irgendwann – wenn es zuviel geworden ist – eruptionsartig aus mir herausstoßen.
Jedes Motzen über Nichtigkeiten ist ein Hilfeschrei nach Aufmerksamkeit. Ich schaffe das nicht allein, denn ich bin mit dem Schnee und der Kälte, dem nicht angesprungenen Auto und den vielen Aufgaben an der Arbeit überfordert. Doch die Gesellschaft verlangt von mir, dass ich stark sein muss und keine Schwäche zeigen darf. Verlangt sie das? Wo steht das geschrieben?
Es gehört ein wenig Mühe dazu, in Trachau durch den frisch gefallenen und noch immer fallenden Schnee zu laufen. Und einmal unten angekommen sieht er nicht einmal schön aus. Denn dort stehen bereits die Eigenheimbesitzer, warten sichtbar auf jede einzelne Flocke, um sie passiv aggressiv zur Seite zu schieben. Der Gehweg muss schließlich frei sein, um den hier Gehenden und nicht einmal hier Wohnenden diesen hier Gehen und nicht hier Wohnen zu ermöglichen. Manche gehen etwas behutsamer vor, insbesondere wenn sie der Straße gefährlich nahe kommen. Nur keinen zusätzlichen Schnee auf die Straße! Nur nicht die Autofahrer erzürnen. Denn das Auto ist heilig. Und die Menschen darin Götter.
Götter dürfen nicht erzürnt werden. Wer keinen Schutzmantel aus Metall um sich trägt, ist Freiwild. Da kann schon mal eine Schippe Schnee vor den eigenen Füßen landen. Der Ärger darüber wird entweder zum bereits angefressenen Ärger dazugefressen, bis er irgendwann wieder hochkommt. Oder er prallt ab, weil man direkt das Gespräch sucht. Das Zwiegespräch; das Streitgespräch; die Anklage; den Konflikt; die Eskalation.
Ich fühle mich lost in Trachau, weil ich nicht hier wohne, weil ich hier niemanden kenne, nur auf der Durchreise bin. Wenigstens weiß ich, wo ich in Trachau hin will. Dann den selben Weg wieder zurück und weg von hier. Trachau liegt am Rande der Stadt, dort, wo die Autohäuser sind und die nicht beräumten Gehwege. Dort, wo es keine Radwege gibt und sich die lebensmüden Radfahrer überlegen müssen, ob sie von Fußgängern angepöbelt werden wollen oder von Autos überfahren.
Trachau ist kein schönes Land in dieser Zeit. Doch wer mit der Straßenbahn wieder in die Stadt hineinfährt, erkennt, dass sich das Nachtschwarz langsam über das Schneegrau legt. Es wird Abend; es wird Nacht. Müde Gesichter steigen in die Bahn; steigen wieder aus. Woher? Wohin? Einfach nur diese beiden kurzen Fragen. Einem Fremden gestellt. Fragen: Was lesen Sie da? Mir gefällt die Gestaltung dieses Buches. Schön, dass es noch Menschen wie Sie gibt, die in der Bahn lesen und nicht auf ihr Mobiltelefon starren. Schön, dass es Sie gibt.
Als es Nacht ist, bin ich längst nicht mehr in Trachau. Das letzte Stück zu meiner Wohnung laufe ich wieder durch grauen Schnee. Über Schnee, der bereist festgetreten oder etwas matschig ist. Weder in Trachau noch in der Innenstadt hat jemand einen Schneemann gebaut. Als mir das bewusst wird, macht mich das schließlich doch noch traurig.
© Dominik Alexander / 2024
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