Ich werde einfach über das Schreiben schreiben. Da ist mir noch immer etwas eingefallen. Im Grunde könnte ich hier schließen. Die oberste Ebene ist abgearbeitet. Mehr braucht es in unserer schnelllebigen, oberflächlichen Welt ohnehin nicht mehr. Wer will schon tiefer graben, wenn die Gebrauchsanweisungen fürs Leben in bunten Neonblinklichtern von den Glasfassaden der Großstadtwolkenkratzer schreien? Jedes Blinken ein Schrei; jede Farbe eine Weltanschauung. Lege dich nur ja nicht fest. Denn dann zieht dich die Bubble in ihren Sog. Aus der kommst du dann so schnell nicht mehr heraus. Und über kurz oder lang (eher kurz als lang) willst du das auch gar nicht mehr. Früher sagte man: Jede Zeit hat ihre Mode. Heute: Jede Woche ihr Kommödchen. Mit vielen Schublädchen drin natürlich. In allen stecken niedliche Kawaii-Gesichter. Alles lächelt und ist schön (was das auch immer heißt).
Welch groteske Welt, in der ich einfach nur schreiben will. Übers Schreiben und darüber hinaus. Denn wenn ich in die Tiefe schreibe, liest es keiner mehr. Die Meta-Ebenen der Welt tauchen zu sehr ab. Das höher gestiegene Wasser hat schon jeglichen Geist verschlungen, der es bis jetzt geschafft hatte. Mittlerweile schleppt sich jeder durch die immer nächste Nacht, versucht wach zu bleiben, ja nichts zu verpassen. Ich könnte heute noch so viel machen. Stopft sich mit Kaffee, Tabletten und Social Media-Posts zu. Merkt gar nicht, dass er längst satt ist. Nicht gesättigt. Nur satt. Nicht zufrieden. Nur ruhiggestellt. Die Menschen von heute sind Spiegelkonsumenten. Sie brauchen ihre tägliche Dosis, um nicht ins gefährliche Denken abzudriften. Dass man ja nicht auf die Idee kommt, mal einen Tag ohne die Wirtschaft angekurbelt zu haben ins Land gehen zu lassen. Doch so schnell kann ja kein Mensch mehr kurbeln. Und so kommen die meisten eben unter die Räder. Oder zwischen die Zahnräder. Moderne Zeiten war 1936 modern und ist es heute noch immer.
Also schreibe ich denn übers Schreiben. Aber will ich das wirklich? Lasse ich m ich nicht vielmehr vom Schreiben tragen? Und was ist das überhaupt: schreiben? Wenn ich doch nur novh tippe. Nichts von dem, was ich hier schreibe, ist noch unmittelbar. Es sind nicht die Gedanken meines Kopfes, sondern vielmehr die meiner Hände. Mein Schreiben ist wie das Rauschen meiner Heizung, die noch immer hochfährt. Habe sie gerade erst angestellt. Und stelle sie wieder ab. Schon ist das Rauschen verschwunden. Dafür ist es etwas wärmer als zuvor. Kann ich bei erhöhter Temperatur noch denken? Und habe ich zuvor gedacht, als ich diese Worte schrieb? Wenn ich diese Fragen hier und jetzt unbeantwortet stehenlasse, dann deshalb, weil es einerseits keine einfachen Antworten darauf gibt, weil andererseits jeder Mensch diese Fragen für sich selbst beantworten sollte und kann. Das ist im Grunde das Schöne und der Sinn eines Autors: aufschreiben, was ist, aus der Erfahrung heraus vom eigenen Beobachten, Fühlen, Wirken, aus all dem Fragen entwickeln, für die andere Menschen keine Zeit haben.
Denken benötigt Zeit. Schreiben benötigt Zeit. Wer Fragen hat, hat Anhaltspunkte. Lose Fäden liegen auf dem Weg. Ein Mensch sammelt sie auf, be-greift sie – für sich und sein Leben. Und wenn er darüber ein wenig ins Reflektieren und Nachdenken kommt, hat er nicht Zeit verloren sondern gewonnen. Er gewinnt Antworten aus sich heraus. Und das sind ohnehin die besten.
© Dominik Alexander / 2024
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