Fünfunddreißig Jahre

Ich stoße mit dir an
Auf deinen Abgesang
Vor fünfunddreißig Jahren

12. Februar 1989

Was bedeutet dieser Tag für den
Der an ihm stirbt?

Erzähle mir nichts von Erlösung
Erst recht nichts von einem Nachleben
Leben nach dem Tod
Wie unsinnig das ist
Für den, der daran glaubt
Wie öde ein endloses Leben wäre
Für die sogenannte Seele
Immerzu im Äther zu driften
Ohne Hülle und Gedanken
Denn woher sollen die kommen
Ohne Gehirn
Ohne Fleisch
Das die Energiestöße des Denkens zusammenhält?

Was mich heute befällt
Ist kaum noch Melancholie
Zuviel geschieht nur heute
Und in einer Woche:
Kaum noch auszuhalten

Wir gestalten, was wir nicht sehen
Wir verwalten, was wir nicht loslassen können

Was glaubst du jetzt
Wenn du in den Himmel schaust?
Siehst du ein Blau?
Siehst du die Toten der Welt?

Den gesamten Tag schon Kopfschmerzen gehabt
Entzugserscheinungen von zu wenig Kaffee
Die kommen schon nach sehr wenigen Tagen Gewöhnung
Ich dachte immer
Ich sei kein Mensch für Abhängigkeiten
Drogen jeglicher Art können mir nichts anhaben
Eine Zigarette hier
Ein Glas Bier dort
Beides schmeckt mir nicht
Ich gewöhne es mir nicht an
Muss es mir nicht abgewöhnen

Doch bei Kaffeeentzug bekomme ich Kopfschmerzen

Man kann es natürlich auch auf das Wetter schieben
Dass der Kopf nicht mitmacht
Im Bett geblieben ist gewissermaßen
Mit schlechter Laune wollte er einfach nicht mit ins Bad
Wollte kein Frühstück
Erst recht keinen Kaffee
Und dann noch nach draußen bei Nieselregen?
Nicht mit mir
Hat er gesagt
Sich zurück in die weichen Daunen fallen lassen
Und kam also nicht mit

Woher also die Kopfschmerzen?

Vielleicht doch vom Montag an sich
Vom Wissen darüber
Dass das eine Wochenende gerade vorbei ist
Das nächste noch so weit weg
Dazwischen frühlingshafte Temperaturen
Doch der Körper ist eingeschlossen im viel zu warmen Büro
Bei achtzehn Grad fühlt sich die Kollegin wie ein Eisklumpen
Mit zwanzig Grad kann sie leben

Da ist es wieder
Leben
Als wäre es Schicksal
Irgendwas, wo man durch muss
Das man durchsteht
Um ins Höhere gelangen zu können

Das Leben als Prüfung
Das Leben als Strafe

Und wieder haben wir einen Tag überstanden

Höre ich ältere Menschen zuweilen stöhnen
Meist die, die gar nichts zu leiden haben

Wir freuen uns oft wochenlang auf etwas
Und ist es erst heran
Ist es so schnell wieder vorbei
Dass die Freude darauf
Die Freude daran
Um ein Vielfaches übersteigt

Fünfunddreißig Jahre
Den Mauerfall hast du nicht mehr erlebt
Hättest du darüber etwas geschrieben?
Hätte dir das überhaupt etwas bedeutet?
Mit deinen Schreibthemen hatte das schließlich nichts zu tun
Deinen Vater hatte es nach Frankfurt Oder verschlagen
Du selbst warst als Kind in Saalfeld in Thüringen
Nicht freiwillig
Nicht gern
Wärst du gesund gewesen
Hättest du den Osten besucht

Hättest du je geschrieben?

Vor fünfunddreißig Jahren
War ich elf Jahre alt
Vom Heldenplatz wusste ich nichts
Und von vielen anderen Dingen noch viel weniger
An Kaffee war nicht zu denken
An Mauern schon eher
Die in meinem Kopf vor allem
Daran hat auch der Mauerfall nichts geändert
Viele Mauern mussten fallen seitdem

Fünfunddreißig Jahre
Sind eine lange Zeit
Sind eine kurze Zeit
Darauf stoße ich an
Mit einer eiskalten Orangenlimonade
Die mir den Kopf einfriert.


        © Dominik Alexander / 2024

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