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Die beiden Folianten des Cervantes wollten einfach mit mir mit. Sie standen in der Bücherzeile ganz hinten im Rewe. Kann mir nicht vorstellen, dass sie dort lange gestanden haben. Oder denke ich das nur, weil ich nicht an ihnen vorbeigehen konnte?

Wer schleppt denn heute noch fünf Kilo Papier mit sich herum? Zum Rewe war ich natürlich gegangen, um Essen zu besorgen. Magenfutter. An Geistesfutter hatte ich nicht gedacht. Selbstverständlich kannte ich die Bücherzeile bereits. Ich wusste, dass es dort neben Groschenromanen und Liebeslektüre immer auch ein paar wirkliche Leckerbissen gibt.

Der Cervantes war mir zu schwer. Nicht schwer verdaulich; nur kaum zu tragen. Ich will mein Fahrrad schließlich noch eine Weile behalten. Ebenso meine Fahrradtasche. Dennoch.

Im Tragekorb hatte ich schon allerlei drin: Bananen, scharfe Paprika, Käse, Eier, Knäckebrot. Die Bücherzeile wollte ich gar nicht beachten. Immerhin wusste ich: Dort findest du immer etwas. Doch in der Fahrradtasche war noch mein Schreibkram von der Arbeit. Das Eingekaufte musste mit rein. Ich hatte ohnehin keinen Platz.

Nur aus dem Augenwinkel fielen mir die beiden großen Bücher auf. Als ich mich hindrehte, hatte ich bereits verloren. Die Schutzumschläge waren schmucklos grau, etwas eingerissen. Mit einem Schritt darauf zu las ich: Cervantes. Der gesamte Don Quixote in zwei Bänden. DDR-Produktion aus dem Jahr 1966, übersetzt von Ludwig Tieck, mit Stichen von Gustave Doré. Herrlich. Wenn auch mit etwas Altersgeruch.

Im Inneren fand ich Spuren des Vorgängers: Postkarten aus Weimar. Eine beschrieben. Sie beginnt mit: “Liebe Mutter”. Große bunte Briefmarke vom 35. Geburtstag der DDR. Zehn Pfennig Porto. Verfasst im Jahr 1985. Ein Zeitungsausschnitt von einem riesigen Wandgemälde des Don Quixote eines russischen Künstlers. Versatzstücke intensiver Beschäftigung mit dem Werk.

Und jetzt steht es beim Rewe in der Bücherzeile.

Nicht mehr. Jetzt liegen die Folianten bei mir zu Hause, wo sie ihre Erinnerungen Stück für Stück preisgeben. Nicht nur die des Don Quixote aus der Feder des Cervantes. Sondern auch die der Vorbesitzer, Vorleser, Vorerinnerer. Zwei Leben in zwei Folianten.

Selbstverständlich habe ich nicht verloren, als ich die beiden Folianten in meine Fahrradtasche geschoben habe. Den halben Einkauf darauf; den Rest in einen Stoffrucksack, den ich stets bei mir habe. Für den Fall der Fälle.

Nein, ich habe gewonnen. An Geschichten, an wunderbaren Illustrationen, an gar nicht so schlimm nach Alter riechendem Papier.


        © Dominik Alexander / 2024
        © Gordon Johnson (image)

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