Eine Reconquista des Schönen

Die Lichtshow genügt dem Augenblick, ist spektakulär, auf den Effekt aus – für Epileptiker nicht geeignet. In Frankfurt hätte es sogar einen Anfall gegeben. Eine Ohnmacht aus Überwältigung ob des Schönen? Mitnichten. Eher aus Überreizung mit Bildern, Klängen, Bewegung – immer schneller, lauter, bunter. Das ist Monets Garten, der im März und April 2024 in Dresden gastiert. Ein Rückblick.

Die eigens erbaute Kuppel am Ostradom in Dresden steht kurz hinter dem Messegelände. Wer mit dem Auto anreist, kann sich wahrscheinlich auf das Navigationsgerät verlassen. Auf meinem Fahrrad habe ich es nicht ganz so einfach. Denn Hinweisschilder auf Monets Garten sind spärlich gesät. Die vorhandenen sind klein und passen sich mit ihren Farben Grün und Blau leider zu gut ihrer Umgebung an. Dennoch: irgendwann bin ich da, stelle das Rad ab und laufe zu einer Art Zirkuszelt, zu dem ein schmaler Gang ins Innere führt.

Dort werde ich als Pre-Show-Besucher freundlich willkommen geheißen. Das Ambiente ist dunkel. Die Ausstellung selbst punktgenau und zielorientiert beleuchtet. Taschen und Jacken können Besucher in kleinen Schließfächern verstauen, um sich ganz ihren Sinnen hingeben zu können. Eintauchen in ein riesiges, bewegtes Klangerlebnis. Das ist es wohl, das den Ausstellern vorschwebte und mich komplett überreizt.

Schon am Eingang hört man Musik und eine Erzählstimme. Doch optisch beginnt die Schau einigermaßen ruhig: Drei Staffeleien mit Bildern von Claude Monet stehen aufgereiht an der Wand. Davor jeweils eine Markierung. Daneben informiert Beischrift zum QR-Code, dass man sich per Scan direkt in das Bild hineinbewegen kann. Nur virtuell natürlich. Auf die Markierung stellen, aus der App heraus fotografieren lassen, und schon ist man Teil der Ausstellung oder des Erlebens oder dem, was Monets Garten eben sein soll.

Denn was ist Monets Garten? Ausgestellt wird ja im Grunde nichts. Es gibt keine Originalbilder. Das meiste ist projiziert, bewegt sich, wird musikalisch und vokal untermalt – vielleicht auch übermalt, an den Zeitgeist angepasst, der immerzu in Bewegung ist und keinen Moment mehr festzuhalten vermag. Für mich ist das anstrengend. Und so lasse ich die anderen Pre-Show-Besucher an mir vorbeistaunen und klammere mich wenig später an das einzig Statische hier: die lange Zeittafel zu Monets Leben und Wirken.

Dennoch spüre ich in meinem Nacken stets das sich bewegende Grün und Blau. Wenn ich mich hier umdrehe, schaue ich auf mehrere sehr großformatige Projektionen, die jeweils einen Teil eines Bildes von Monet zeigen. Geht man näher, kann man sich fast jeden Pinselstrich einzeln anschauen. Doch plötzlich bewegen sich die Striche, werden zu einer Art Anemone an Land oder eher in der virtuellen Realität. Licht und Farben schwingen hin und her. Auf einige Betrachter mag das beruhigend wirken. Mich treibt es weg.

Zu einer Spielwiese für Kinder. Denn ein paar Meter weiter öffnet sich die Halle ein wenig. In einem Alkoven sitzen ein paar junge Besucher und malen die Umrisse einer stilisierten Seerose bunt an. Wenn sie fertig sind, können sie das Bild einscannen; kurze Zeit später bewegt es sich virtuell durch den animierten Teich, der direkt nebenan auf den Boden geworfen wird. All das überragt jedoch eine weitere riesige Lichtinstallation, die mit den Bewegungen eines Besuchers interagiert. Ähnlich wie zuvor bei den kleineren Bildern bewegen sich die einzelnen Pinselstriche nun wie von Zauberhand gesteuert, wenn sich jemand auf die zugehörige Markierung stellt und dann wild seinen Körper verrenkt.

Spätestens hier frage ich mich, was all das Visuelle, Akustische, Motorische soll? Es scheint, als zähle hier nur der Augenblick, die Show, Bewegung und Farben. Alles stürzt auf einmal auf den Besucher ein. Ich spüre bei all dem leichte Panik in mir aufsteigen und meine zu verstehen, wie sich in Anbetracht der gleichzeitigen Bedrohung aus mehreren Richtungen jenseits ihrer Grenzen die Politiker des Römischen Reiches im dritten Jahrhundert nach Christus gefühlt haben müssen. Damals stand eben nicht nur Hannibal ad portas, sondern so ziemlich alle damals existenten Volksgruppen an den Peripherien von Ost, West, Nord und Süd. Diese sogenannte Krise des dritten Jahrhunderts bekomme nun ich, betrachte noch kurz das nachempfundene Gartenhaus von Monet in Giverny und schäle mich dann durch den dunklen Vorhang ins zentrale Heiligtum der Schau.

Hier läuft ein ganz anderer Film ab. Wenn man vorher noch woanders hinschauen konnte, um der Bilderflut punktuell zu entgehen, überkommt es einen hier aus allen Richtungen. Wenn ich mich zuvor im dritten Jahrhundert nach Christus wähnte, bin ich nun im Konstantinopel des Jahres 1453 kurz vor der Eroberung durch die Osmanen angekommen. Der etwa zwanzigminütige Film hangelt sich lose am Leben Monets entlang und projiziert dessen Versatzstücke anhand seiner Kunst an alle vier Wände und den Boden des quaderförmigen Raums. Es fühlt sich so an, als säße ich hier in der Ka’aba Sultan Mehmeds II., die er hier eigens für die überlebenden unterlegenen Byzantiner hat errichten lassen, um sie visuell und akustisch zu foltern.

Ein Kunstwerk nach dem anderen wird an die Wand geworfen. Doch keines kann besinnlich betrachtet werden. Immer gibt es irgendein Element im Bild, das wohl danach schrie animiert zu werden: Mohnblütenblätter, Grashalme, ein Rabe und natürlich die unvermeidlichen Seerosen. Am Ende der Tortur tanzen sie sogar zu Klängen von Maurice Ravel stakkatoartig durch den Raum. Am Ende will ich meine Epilepsie nicht doch noch triggern. Also versuche ich mich mit Schreiben anderweitig zu fokussieren. Irgendwann schlägt Ravel den Schlussakkord, der Abspann läuft, und ich kann durch den anderen Vorhang die Ka’aba Mehmeds verlassen, um direkt auf Memorabilia und Nippes zu stoßen, der hier mit Motiven von Monet feilgeboten wird: Glitzersocken, Regenschirme, Notizbücher, Ausstellungskataloge. Ich wühle mich kurz durchs Angebot, aber auch nur, weil ich wohl noch unter Schock stehe.

Ein freudig erregter junger Mitarbeiter fragt mich, wie es mir gefallen hat, als ich wieder bei den Schließfächern stehe. Ich will die Schau nicht zu sehr niedermachen. Immerhin haben sich die Creators bestimmt viele Gedanken gemacht und super-tolle Features eingestreut. Was ich in diesen Situationen stets gerne sage, habe ich auch hier gesagt: Scheinbar gehöre ich nicht zur Zielgruppe. Habe das dann jedoch noch etwas erläutert. Das Lächeln des jungen Menschen blieb dennoch im Gesicht. Ebensosehr wie ich zuvor meine Fassung in der Ka’aba bewahrt habe.

Mit Monets Garten werden Claude Monet und seine Kunst verkitscht. Ja, ich verstehe den Ansatz und den Hintergrund: Zur Zeit des Künstlers wurde die Eisenbahn erfunden. Die Industralisierung bekam Aufwind. Alles wurde immer schneller und bewegter. Dieses Gefühl wollte man wohl transportieren: Genau so müssen sich die Menschen damals gefühlt haben, wenn sie vom beschaulichen Land in die pulsierenden Städte kamen. Stattdessen erzählte der freundliche Mitarbeiter, dass sich die Show an ein junges Publikum richtet, das auf Instagram, TikTok, Fünfzehnsekundenvideoschnipsel, schnelle Schnitte und hektische Kommentatoren konditioniert ist. Das mit Kunstausstellungen in Museen nichts anfangen kann, weil es da zu langweilig sei.

Nach einem schließlich durchaus konstruktiven weiteren Gespräch verlasse ich das Zirkuszelt durch die kurze Schleuse in den hellen Abend hinein. Von animierten Gemälden überwältigt steige ich hinaus in die Wirklichkeit, ins graue Jetzt. Mein Kopf schwirrt. Was habe ich hier gesehen? Eine Art Postromantik, eine Reconquista des Schönen ohne tiefen Sinn? Die Eindrücke verblassen schneller als ich wieder zu Hause bin. Was bleibt, sind nur die beiden Farben Grün und Blau.


        © Dominik Alexander / 2024

10 Comments Add yours

  1. Monetainment 😎 nach Vincentainment. Disneyaufbereitung für die Barbiegeneration.

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    1. Mit Deinem kurzen Kommentar hast Du meinen langen genau auf den Punkt gebracht. Van Gogh war hier etwas zentraler präsentiert, soll aber in der Tat ähnlich eventmäßig präsentiert worden sein. Haben mir Menschen erzählt, die da waren. Vielleicht ist das ja ein gutes Zeichen, dass diese Art von Shows etwas weiter draußen platziert werden, weil Van Gogh doch nicht so gut ankam. Doch ich kenne die Zahlen nicht.

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      1. Mir gefällt einfach dieser “Upgrade”-Gedanke nicht. Ich habe schon Probleme mit den aufgeblasenen Rahmen in die man vor allem Bilder des Impressionismus steckt. Ich wollte vor ein paar Monaten einen blog-Beitrag schreiben: When we killed Van Gogh. Denn darauf läuft es hinaus. Starry Night bis es kein Mensch mehr sehen kann.

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        1. So ähnlich ist es auch mit der Welle vor Kanagawa von Hokusai. Davon gibt es mittlerweile auch schon fast alles zu kaufen. Könnte man ein ganzes Haus damit dekorieren. Ich mag die Welle – noch. Ähnlich ist es bei Filmen. Filme und Serien werden nach zwanzig Jahren noch einmal gedreht, um die Geschichten dem jeweils aktuellen Zeitgeist anzupassen. Man muss ja nicht hingehen oder es sich anderweitig ansehen. Doch ich frage mich, ob das Geld nicht besser für neue Künstler und eine originäre Geschichte hätte ausgegeben werden können.

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          1. Der Vergleich mit den Filmen trifft es gut. Lebende Künstler zu fördern ist für die Politik ein zweischneidiges Schwert. Die werden so schnell lästig und wollen sich nicht anpassen. Wenn sie keine öffentlichen Mittel erhalten, sind sie bei Weitem pflegeleichter.

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  2. Hier ist gerade Van Gogh in ähnlicher Weise zu sehen. Ich tue es mir nicht an und habe teils den Eindruck, viele Menschen gehen dorthin, um gebildet zu erscheinen. Wann wagt jemand laut zu rufen: „Da ist doch gar nichts dran!“ analog zu : „Der hat doch gar nichts an!“

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    1. Tatsächlich habe ich ein paar Tage darüber nachgedacht, wie ich diesen Text schreibe, ob ich ihn überhaupt schreibe. Irgendwann hatte ich aber – so wie Du beschreibst – die gefühlt fünfzigste Glorifizierung darüber gelesen und dachte mir: da muss jetzt auch mal was anderes darüber geschrieben werden. Leider habe ich keine große Reichweite, so dass diesen Kontrapunkt nur ein paar Menschen lesen – und die diversen Algorithmen ohnehin nicht, obwohl Negativität im Netz mittlerweile doch das Nonplusultra ist. Andererseits geht es hierbei natürlich auch nicht um Politik, sondern um irrelevante Kultur. Das kann man schon vernachlässigen und die Menschheit lieber noch mehr verdummen lassen.

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  3. Vor Kurzem habe ich gelesen, dass eines dieser Unternehmen, das so eine Van Gogh Megashow betrieben hatte in Konkurs gegangen ist. Es kann sich nicht mit Eintrittsgelder rechnen. Da gibt es Gelder wegen Umwegrentabilitaet. Kranke Entwicklung. Ebenso der Lego-Baukasten zu Starry Night. Da wird zusätzlich noch der kreative Prozess auf das Niveau des Puzzlespieles reduziert. Hauptsache Mega.

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    1. Stimmt. Kreativ ist daran gar nichts mehr. Die Anleitungen dazu beschreiben auch jeden einzelnen Stein. Falsch machen kann man da nichts. Im Gegenteil geht man hier vom DAU aus, also dem dümmsten anzunehmenden User resp. Anwender. Dann hängt man sich das hässliche Teil an die Wand und repräsentiert: Schau, ich habe Kunst an der Wand! Ja, das habe ich ganz allein gemacht. (bei Social Media käme jetzt ein Facepalm-Meme)

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      1. Wir entwickeln uns schon sehr stark in Richtung Infantilitaet. Kreativ, ja, aber so und nicht anders. Betrifft aber auch viele andere Bereiche und keinem fällt es mehr auf. Selbst das Posieren bei Selfies ist “genormt”. Abgespreizte Finger, Herz geformt….. Man könnte natürlich meinen, das sei belanglos, sagt aber viel darüber aus, wie wir inzwischen geprägt sind

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