Kurz vor Mitternacht wird das Wasser im Bad endlich wieder richtig kalt. Ich lasse meine Hände nach dem Waschen nocvh eine Weile unter dem Strahl. Spüre die kleinen Stiche, die zum kühlenden Teppich werden, genieße diesen kurzen Moment. Um mich herum steht die Schwüle des Tages.
Zerlaufendes Milcheis in seiner Waffel. Zum Glück rundumverstärkt. Reden und Eisessen geht nun einmal nicht auf einmal. Soweit ist der Mensch noch nicht. Dennoch ist in zwanzig Jahren einiges passiert. Kinder spielen nicht mehr draußen im Dreck, sondern drinnen in virtuellen Welten; die vernetzte Welt macht die Menschen verrückt, während sie damals noch ab und zu miteinander gesprochen haben.
Ja, ja, ja —
Ne, ne, ne.
Ein älterer Mann läuft an uns vorbei, riskiert einen kurzen, schüchternen Blick. Dann versenkt er sich wieder in seine Karte. Geht vorsichtig weiter. Schaut sich um. Bleibt stehen und lässt den Blick schweifen. Dann fasst er sich ein Herz und kommt doch zu uns. Ob wir wüssten, wo hier die Ruine sei. Dass doch hier eine sein müsse. Es stünde doch da und meint seine Karte. Ich erwähne die Grundmauern des Palais der Sekundogenitur, ohne den Namen zu nennen. Den habe ich gerade erst selbst gesucht und gefunden.
Wenig später ist das Eis aus der Waffel getrunken. Die Finger sind klebrig. Bevor uns kleine Fliegen und Mücken entdecken, gehen wir zurück und sehen den Herrn erneut. Nun ist er es, der auf einer Bank sitzt. Wir fragen, ob er die Ruine gefunden hat. Er ist sich nicht sicher, denn er wollte eigentlich nicht zur Ruine, sondern lediglich zum Tanz bei der Ruine. Der Tanz war das Ziel; die Ruine lediglich Treffpunkt.
Außer uns ist kein Mensch zu sehen.
Wir gehen weiter. Wieder in den Garten und damit in den Schatten hinein. Wir reden, tauschen uns aus. Als hätten wir uns nicht vor zwanzig Jahren zum letzten Mal gesehen, sondern erst gestern.
© Dominik Alexander / 2024
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