Kolumne 666: Stolz

Wer stolz auf etwas ist, hat etwas geleistet, auf das er stolz sein kann. Doch was genau sollen die Begriffe Nationalstolz, Pride-Month oder Stolzmonat aussagen? Nichts, was damit zusammenhängt, kann mit dem Begriff Stolz in Beziehung gesetzt werden. Eine Einordnung.

Wir befinden uns in Leipzig. Es ist der zweite Juli, etwa eine Stunde vor Mitternacht. Der türkische Nationalspieler Merih Demiral freut sich, dass er im Achtelfinale der Fußball-Europameisterschaft beide Tore gegen Österreich erzielt hat. Nach dem Schlusspfiff reißt er die Arme nach oben und formt mit den Händen etwas, das in Deutschland als „Schweigefuchs“ bekannt ist. In der Türkei ist es die Geste der rechtsextremistischen Bewegung der „Grauen Wölfe“. Nach erster leiser Kritik wird Demiral sinngemäß in die bereitgehaltenen Mikrophone diktieren, dass er einfach stolz darauf sei, Türke zu sein. Mit Rassismus habe das Handzeichen also nichts zu tun.

Mit Stolz allerdings auch nicht. Hätte Demiral gesagt, er sei stolz darauf gewesen, dass er seiner Mannschaft beim Achtelfinalerfolg helfen konnte, hätte ich seine Worte verstanden. Dass er die Geste gezeigt hat, hätte man als Unwissenheit oder Dummheit, eventuell als Überschwang der Gefühle interpretieren können. Doch Demiral hat explizit gesagt, dass er stolz darauf ist, Türke zu sein. Er ist also stolz auf etwas, zu dem er nicht das Geringste beigetragen hat. Immerhin hat bei seiner Geburt seine Mutter die ganze Arbeit geleistet.

Wer sonst nichts kann, ist stolz auf seine Nation

Stolz sein kann man ausschließlich auf eine Leistung, die man selbst erbracht hat. Nationalstolz suggeriert jedoch eine Leistung qua Geburt. Ohne eigene Anstrengung, quasi aus Zufall, ist jemand „stolz“ darauf, Türke zu sein. Worauf ist er stolz? Geboren worden zu sein? Richtig wäre es, glücklich darüber zu sein, dass er sich als Türke wohl und in seinem Heimatland Türkei akzeptiert, respektiert und willkommen fühlt.

Um es plakativ zu formulieren: Stolz auf eine Eigenschaft zu sein, die einem Menschen qua Geburt zufällig zu Eigen ist, kommt positivistischem Selbstbetrug gleich. Ist ein Mensch also stolz auf seine Nationalität, akzeptiert er – nüchtern betrachtet – zunächst das Schicksal seiner Geburt. Wenn er im Laufe seines Lebens jedoch erkennt, dass es andere Nationalitäten gefühlt leichter haben, dass sie andere Werte pflegen, die eigene Nation jedoch für ihre Werte kritisiert oder gar angefeindet wird, kann dieser Stolz ins Negative umschlagen, in die Überbetonung und offensive Demonstration der eigenen Nationalität in der Öffentlichkeit.

Wie jedes andere Gefühl ist auch der Stolz ein kurzweiliges Phänomen und Vergnügen. Gemeint ist hier der gerechtfertigte Stolz auf eine selbst erarbeitete Leistung. Nach der absolvierten Verteidigung verkündet der Doktorvater dem Doktoranden, dass er mit magna cum laude abgeschlossen hat. Die angespannten Glieder können sich entspannen. Ein Glücksgefühl klettert den Körper empor. Die Freude über die Anerkennung des Professors. Der Lohn für Anstrengung und Entbehrungen der vergangenen Jahre gipfelt im Gefühl des Stolzes. Wie lange hält das Gefühl an? Kaum ein paar Minuten.

Pride-Month vs. Stolzmonat

Spätestens Fragen wie: Haben Sie schon ein Thema für die Habilitation? Oder: Was machen Sie jetzt mit Ihrem Doktortitel? lassen den soeben erst Graduierten an das nächste Projekt denken. Der Stolz verfliegt; der Alltag kehrt zurück. Und die Jagd nach dem nächsten, zeitlich stark begrenzten Anflug des Stolzes. Nachdem man das einmal erlebt hat, kann man sich durchaus danach sehnen, dieses Gefühl einmal etwas länger, warum nicht sogar permanent erleben zu dürfen?

Hier kommt schließlich der Pride-Month mit dem Regenbogen als sein Symbol ins Spiel. Aus der zwischenzeitlichen Diffamierung und Verfolgung heraus wurden Geschlecht und Sexualität zu etwas gemacht, auf das man stolz sein sollte, vor allem auf diejenigen Varianten abseits der sogenannten Norm. Doch auch hier gilt wie für den Nationalstolz: Wie kann ich auf etwas stolz sein, mit oder als das ich geboren wurde? Oder anders: Schwul zu sein, ist keine Leistung, sondern eine angeborene Eigenschaft, die sich kein Mensch selbst aussuchen kann.

Bei so wenig Fundament ist es jedenfalls einfach, dem Pride-Month so etwas wie den Stolzmonat entgegenzusetzen. Ohne jegliche Argumente erfinden zu müssen, ist man schlicht gegen den Pride-Month. Stolz ist man dann auf den Widerspruch. Immer und überall.


        © Dominik Alexander / 2024
        © Angela (image)


Kolumne 666 besteht aus eben so vielen Worten. Dabei werden zwei Themen miteinander verwoben, die zuweilen kaum etwas miteinander zu tun haben. Ein Thema ist aus dem Pool an Schlagzeilen der vergangenen letzten Tage entnommen; das andere Thema entstammt meiner eigenen Biographie. Kolumne 666 ist ein serienhafter Kommentar zum Zeitgeschehen und soll zum Nachdenken mit anschließender Diskussion anregen; entweder hier oder im eigenen Bekanntenkreis.

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