Wer sich ganz nah an den Grunaer Findlingsbrunnen heranstellt und nur auf das lustig plätschernde Wasser schaut, könnte denken: Mensch, hier ist es richtig schön. Wer sich nur einmal kurz umschaut, könnte denken: Oh, mein Gott, ist die DDR zurück? Oder hat es die Wende gar nicht gegeben?
Meistens fahre ich hier nur ab und zu mit dem Fahrrad durch. Wenn ich von der Apotheke auf der anderen Seite des Brunnens komme. Dazwischen liegt so etwas wie eine Allee: ein zweispuriger Trampelpfad, der in Karten als Altgruna bezeichnet wird, mit Bäumen und kaum gepflegtem Grün dazwischen. Die Steinplatten auf den Wegen haben die Baumwurzeln längst in alle denkbaren Richtungen brüchig gestemmt. Wenn man es positiv beschreiben will, ist die linke Seite, wenn man von der Apotheke in Richtung Brunnen geht, eine von Arkaden gesäumte Einkaufspassage. Neutral beschrieben ist es eine schlichte Betonschneise mit Geschäften “wie früher”. In einem Laden kann man sich mit bunten Synthetikklamotten aus Fernost eindecken, deren Produktion wohl nie eine erwachsene Hand gesehen hat. Dafür suggerieren sie dem Träger: Endlich werde ich einmal wahrgenommen.
Denn wenig später sehe ich den ersten Menschen an diesem Samstagabend kurz vor achtzehn Uhr: ein deutlich gehandicappter älterer Mann, der halbwegs versucht, nicht an den Baumaufwerfungen des Gehwegs zu scheitern. Zwei andere ältere Herrschaften auf einer Bank schauen ihm wortlos dabei zu. Die folgenden Bänke sind leer. Auf der Höhe des Brunnens sitzt eine sehr alte Frau auf ihrem Rollator und schaut sich emotionslos das Wasserspiel in der Ferne an. Die NORMA Filiale in ihrem Rücken hat zwar noch bis zwanzig Uhr geöffnet, sieht aber nicht so aus.

Normalerweise sehe ich zu, dass ich hier schnell wegkomme. So viel Trostlosigkeit zieht emotional runter. Doch zu Fuß geht es nicht ganz so schnell wie mit dem Rad. Also komme ich ins Nachdenken. Was macht es mit den Menschen, die hier leben, hier zu leben? Wer richtet diesen Brunnen in jedem Jahr so schön her inklusive Blumen, sieht aber scheinbar nicht, dass diese Schönheit hier weder jemand sieht noch interessiert?
Es ist Samstag Abend. Sollten um diesen Brunnen nicht lachend Kinder toben? Sollten Ältere nicht auf den Bänken sitzen, sich unterhalten oder den Kindern zuschauen? Sollten vor den kleinen Cafés an diesem Platz nicht Tische und Stühle draußen stehen? Mit Menschen daran und darauf, die Brettspiele miteinander spielen?
Stattdessen sehe ich, wie bei einem Café nach dem anderen eben diese Tische und Stühle in den Laden geräumt werden oder bereits zusammengeklappt an der Seite stehen. Nach achtzehn Uhr gibt es hier nichts mehr zu holen, zu sehen – zu lachen ohnehin nicht. Immerhin: Die Filiale Gruna der Städtischen Bibliotheken hat – wie NORMA – bis zwanzig Uhr geöffnet. Und das sogar am morgigen Sonntag! Bei all dem rustikalen Charme längst vergangener Zeiten hätte ich das am wenigsten erwartet.
Dass es hier so aussieht wie es aussieht und ist wie es ist, liegt weder an der Architektur noch an der Infrastruktur. Die Verkehrsanbindung ist super. In wenigen Minuten ist man am Knotenpunkt Zwinglistraße. Schnell kommt man in das große Gewerbegebiet, in den Großen Garten oder in die Innenstadt. Aufgrund des Durchgangsverkehrs ist es hier auch lebendiger und die Geschäfte sehen nicht so verwahrlost aus wie eben noch in diesem wie aus der Zeit gefallenen Areal.
Aber vielleicht liegt es doch ein wenig an der Architektur. Zwei vielstöckige Hochhäuser aus DDR-Zeiten überragen den Findlingsbrunnen, den Platz, die Trampelpfade. Hier leben vor allem zwei Bevölkerungsgruppen: Alte und Ausländer. Wer wieder oder endlich eine Arbeit hat, mit der er sich eine bessere Wohnung leisten kann, zieht hier weg. Übrig bleiben zwei Gruppen, die praktisch aneinander vorbei existieren. Weil die Verständigung schwierig ist und man ins Unbekannte stets die Angst davor legt. Da will man sich da draußen nicht begegnen. Also bleibt man direkt zu Hause und geht nur zum Einkaufen und für Arztbesuche vor die Tür.
Nachdem ich an der Bibliothek vorbeigelaufen bin, schwenke ich nach rechts, überquere die Zwinglistraße und laufe die schmale Fortführung der Bodenbacher Straße in Richtung Großer Garten entlang. Meine Gedanken sind jedoch noch immer bei dem schönen Findlingsbrunnen und seiner wenig einladenden Umgebung. Mir fällt auch die Pfefferminze wieder ein, eine Kneipe an der Stirnseite zur Zwinglistraße. Mir gefiel der Name, und ich hatte vor, dort mal hinzugehen. Doch wie man das heutzutage so macht, schaute ich mir vorher deren Google-Rezensionen an. Denen zufolge scheint die Bezeichnung “Kneipe” noch ein Euphemismus zu sein. Spelunke, billige Absteige oder Nazi-Treff würden den Ort besser umschreiben.
Als mich nur noch die Karcherallee vom Großen Garten trennt, muss ich eine Weile darauf warten, bis ich zwischen den vorbeifahrenden Autos eine Lücke finde. Eine Fußgängerampel gibt es hier nicht. Mein Blick schweift wieder umher und fällt auf das Straßenschild der Bodenbacher Straße. Darunter sind zwei Verkehrszeichen angebracht, die anzeigen, dass hier Fußgänger laufen müssen und Radfahrer fahren dürfen. Auf den beiden Verkehrszeichen kleben drei Aufkleber.
Besonders ins Auge fällt mir der Slogan “Kampfsport statt Kiffen – deutsche Jugend zu uns”. Darunter ist eine Webseite angegeben: schuelersprecher (at) info. Dass hier für Kampfsport und gegen Marihuana geworben wird, deutet bereits auf den rechtsextremen Inhalt der Webseite hin. Tatsächlich finden sich dort pure faschistische Propaganda, Hass, Hetze und Diffamierungen, eingehüllt in ein schickes Violett und anbiedernde Ansprache an die Jugend.
An diesem Verkehrsschild schließt sich der Kreis, der vom schönen, aber leeren Findlingsbrunnen einen weiten Bogen schlägt. Die Abgehängten, Ungehörten, nicht Beteiligten der Gesellschaft ziehen sich immer mehr zurück, zerstören das, was ihnen die Politik hinsetzt, weil sie keinen Kontakt sucht. Die Politik hofft, dass die Menschen zu ihnen kommen. Doch diese Menschen vom Findlingsbrunnen sind so lange gekommen, ohne dass sich etwas geändert hat, dass sie sich lieber von einfachen Antworten einlullen lassen als von leeren Versprechungen.
Wenn Eigeninitiative im Keim erstickt wird, weil sie sich keinem aktuellen Förderprogramm zuordnen lässt oder weil die Auflagen zu schwierig sind, lässt man es irgendwann bleiben. Ab und zu trifft sich vielleicht noch eine Rentnergruppe auf einer Bank. Doch dann stirbt der Initiator weg und die Gruppe fällt auseinander. Auf der anderen Seite treffen sich türkischstämmige oder arabischsprechende Ausländer in ihren Gruppen und schlagen die Zeit tot, weil sie nicht wissen, wie sie in der Gesellschaft ankommen können. Ab und zu haben sie es vielleicht versucht. Doch dann sehen sie Aufkleber wie die am Verkehrsschild der Bodenbacher Straße, fühlen sich nicht willkommen und ziehen sich zurück.
Wie kann man diesen Kreislauf aus Sprachlosigkeit, Hass, Angst und Einsamkeit durchbrechen? Eigentlich ist es ganz einfach: Man muss aufeinander zugehen und ins Gespräch kommen, eigene Projekte anstoßen, diskutieren und umsetzen. Nicht nur punktuell sondern auf Dauer. Vor allem aber: klein anfangen und stark werden, nicht groß anfangen und stark nachlassen. Ich habe da auch schon eine Idee. Die Frage ist nur: Sind die Menschen am Findlingsbrunnen bereit dazu?
© Dominik Alexander / 2024
“Der Archtitekt, der aber floh, nach Akfro od. Ameriko”
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Gestern war ich mit dem Text noch nicht ganz fertig. Jetzt ist er es und geht ein wenig in eine andere Richtung.
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