Die Sprache der Pflanzen

Zufällig fielen mir folgende Worte zu: Beere/n, Fuchi, Eden, Entwicklungstheorie, Kachelofen, Insektizide und Herbsttag. Das Oberthema ist Pflanzen. Aus all dem ist hier ein Text entstanden.

Ein paar Sekunden länger stand ich bei den Erdbeeren. Ich hatte mir vorgenommen, eine Schale mitzunehmen. Doch dann hatte ich den Einfall eines Tomatensalats. In meinem Korb lagen bereits Einzelexemplare von einem Dutzend Tomatensorten. Rot, gelb, grün, beinahe schwarz. Sie rochen mich herrlich an und ich freute mich schon auf den Salat. Die Erdbeeren sahen auch nicht so richtig gut aus. Am Schild war der Preis bereits heruntergesetzt. Einerseits gut, dass ich sie offenbar günstiger bekommen konnte. Doch mit zweiter Ware wollte ich mich nicht abgeben. Zumal die Beeren zu den Tomaten, Aprikosen und Sanddorngummibärchen in den Rucksack mussten. Auf Tomaten-Erdbeeren-Salat ohne mein Zutun direkt an meinem Rücken hatte ich dann doch keine Lust. Also beließ ich es bei der Abbildung einer Erdbeere an meinem Fuchi.

Das Katana schnitt durch die heiße Luft. Ein Flirren entstand, das sogar die Heuschrecken verstummen ließ. Ruhe breitete sich wie ein Teppich aus bunten Blüten über die karge Landschaft. Die weite Ebene war von den Heuschrecken kahl gefressen. Bald würden sie abziehen und die Ebene sich selbst überlassen. Ganz weit draußen, dort wo der Horizont längst kein Horizont mehr war, tobte die Luft in einem Orkan und sich am Gebirgsmassiv ab. Kam einfach nicht über die Berge auf den brüchigen Lehm hinab. Jenseits musste Eden liegen. Denn so tot wie hier alles war, konnte doch auf der anderen Seite nur das satte Leben sein. Er schob das Katana zurück in die Saya und betrachtete still das Fuchi aus blinkendem, tiefrotem Kupfer. Die Erdbeere leuchtete schöner als jede echte; die kleinen Blätter schmiegten sich an die Frucht, ohne ihr zu viel Platz zu nehmen – ein Meisterwerk eines Meisters. Und er war der letzte, der diese Meisterschaft in Anspruch nehmen durfte.

Jenseits der Ebene lag der Garten wie in einem Bett. Es gab viele Pflanzen, viele Tiere, sehr viele Insekten (keine Heuschrecken; die fraßen noch immer jenseits der Berge), keine Menschen. Deshalb war der Begriff Eden auch gut gewählt. Es war ein Paradies, in dem ein Gleichgewicht der Elemente und dasjenige zwischen Krieg und Frieden herrschte. Meistens verliefen die Grenzen fließend, so dass kaum jemand zu sagen vermochte, ob gerade Krieg, ob gerade Frieden war. Doch das war auch nicht so wichtig. Die Hauptsache war, dass man nicht zu lange in einem der beiden Zustände verweilte. Denn dann war die Entwicklungstheorie in der Praxis nicht umsetzbar.

Wenn sich aus Theorie Praxis entwickelt, entsteht selten etwas Gutes. Linguistisch betrachtet, steht in deutschen Komposita das Hauptwort stets am Ende. So wie das Hauptverb bei einem Satz. Womit etwas endet, kann man sich im Verlauf des Kompositums oder des Satzes bereits erschließen. Doch sicher sein kann man erst, wenn es wirklich ausgesprochen ist. Deutschmuttersprachler leben nach dem Motto Alea iacta est – der Würfel ist geworfen. Im Prinzip steht alles bereits fest. Mit dem ersten ausgesprochenen Wort oder Wortbestandteil ist etwas in Gang gekommen, das unaufhaltsam ist. Doch den Ausgang kennt man erst, wenn man das Ende hört, sieht, erlebt. In der deutschen Luft schwingt ein unheilwitterndes Ahnen mit. Alle sehen den Anfang. Der Mittelteil rollt auf sie zu. Doch was nützt alles Ändernwollen, wenn das Ende doch bereits feststeht? Lasst uns diesen einen Satz über uns ergehen und dann einen neuen beginnen. Einen, bei dem wir bestimmen können, was am Ende steht und nur noch ausgespielt werden muss. Etwas zu planen geht dem Deutschen deshalb über alles. Wenn er in den Urlaub fährt, verbringt er so viel Zeit mit der Planung der Reise und hat vermutlich viel mehr Spaß an dieser Vorbereitung als am Erlebnis an sich, das dann nur noch ausgeführt und Punkt für Punkt abgehakt werden muss. Das Ende ist bekannt – wir kehren nach Hause zurück. Wichtig ist dann nur, dass der Satz stimmt. Da darf kein Glied umgestellt werden, weil es sonst krumm klingt, falsch, dumm. Entwicklungstheorie ist entsprechend eine Theorie, die sich mit Entwicklung beschäftigt. Eine Theorieentwicklung wäre eine Entwicklung, die sich mit Theorie beschäftigt. Worum geht es in der Entwicklungstheorie? Darum, dass es sich entwickelt. Es entwickelt sich. Also vieles. Nicht unbedingt ein Kachelofen. So etwas hat längst ausgedient. Doch andere Dinge entwickeln sich. Und manche sogar zum Besseren.

Beim Kachelofen ist es freilich anders. Da entwickelt sich nichts mehr. Außer, die Klimaerwärmung dankt ab und macht der Klimaabkühlung Platz. Doch auch dann ist ein Kachelofen ein Relikt aus einer anderen Zeit. Kacheln gibt es heute nur noch in Küchen und Bädern. Stationär, nicht mobil. Minimalinvasiv ist das Wort der Stunde. Und der Zukunft. Da passt eine prunkvolle Wärmequelle nicht mehr dazu. Ein Mobilar, das zu nichts sonst da ist, als zum Beheizen spärlich gedämmter Existenzräume, doch sich tarnt als Kunstobjekt. Heizen zu Repräsentationszwecken. Das ist so gar kein Wort der Stunde mehr. Ein neues Designobjekt muss her. Eines, das man bequem mit sich tragen kann. Um vom müssen abzulenken. Vielleicht ein Fläschchen für Insektizide?

Machen wir uns nichts vor: Das Ende der Menschheit ist nahe. Die Apokalypse kann man doch schon riechen. Der Brandgeruch des ewigen Höllenfeuers liegt uns bereits jetzt täglich in der Nase. Mit den Wäldern und Wiesen brennen auch die Insekten. Gefühlt vermehren sie sich, doch ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die großen Heuschreckenschwärme zuerst alles kahl fressen und dann plötzlich brennen und mit uns sterben. So steht es in der Bibel und anderen himmlischen Prophezeihungen. So haben es sich bereits frühere Menschengeschlechter des vierten, achten, zwölften, sechzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts herbeizureden versucht. Doch diesmal wird es gelingen. Und bricht es doch nicht von oben über uns herein, schieben wir einfach alle noch vorhandenen Kachelöfen der Welt zusammen, blasen Insektizide in die Luft und genießen den letzten schönen Herbsttag auf Erden.

Das Bild der Pflanzen ist stets ein sprachloses. Aus Sicht der Menschen. Die nicht zuhören. Können. Vermögen bemisst sich für sie in Geld, nicht in Können. Es ist das alte Lied, das sich die Pflanzen zuraunen. Mit Hilfe des Windes kommunizieren sie durch Blätterrascheln, Stammesstöhnen, Ästeächzen. Die Spechte schlagen den Takt. Die Singvögel tragen die Sprache weiter. Übermitteln sie in weit entfernte Wälder. Sie binden die Heuschrecken mit ein, denn wie sonst wären die weiten, kahlen Flächen zu überwinden?

Im Fuchi spiegelt sich eine Kohlmeise. Sie schaut sich an, erkennt jedoch nur das Bild der Erdbeere.


        © Dominik Alexander / 2024

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