Im Zeichen des Zorns

Da stehen wir also. Es bleibt trocken. Der Himmel ist sternenklar. Sagt mir die Wetter-App. Nur dass ich von hier natürlich keine Sterne sehen kann. Wäre auch ein Wunder bei all dem Lichtsmog, den wir zu den fernen Sternen schicken.

Da sind wir also. Nur noch ein paar Stunden; dann wählen wir, was wir verdienen. Obwohl – die meisten haben ja bereits gewählt. Der Wahlkampf fand zwar gefühlt erst in der letzten Woche statt. Doch wie viele Menschen hat das noch erreicht? Wie viele, die nicht schon längst Briefwahl gemacht haben? Und schließlich die, die für gesprochene Worte nicht mehr empfänglich sind?

Zorn ist der kleine Bruder von Ohnmacht. Und diese Geschwister streiten gegenwärtig wie die Kesselflicker in meiner Brust. Der Zorn schlägt auf die Ohnmacht ein; die Ohnmacht bringt den Zorn mit ihrer ausdruckslosen Gleichmut zur Tobsucht. Beide schaukeln sich dabei gegenseitig auf. Der Zorn wird wütend; die Ohnmacht stellt sich tot.

Würde die Ohnmacht doch wenigstens nur einmal schreien. Ein einziges lautes Wort dem Zorn entgegen. Und könnte der Zorn dann endlich mal still sein. Ein kurzer Gedanke der Besinnung in der ausfälligen Bösartigkeit.

Könnten beide nicht ein klein wenig wie der andere sein? Könnten beide nicht ein klein wenig weniger sie selbst sein?

Im Zeichen des Zorns steht dieses Land. Einige wenige schreien; die meisten ertragen stumm und hoffen nur auf eines:

Dass es vielleicht nicht so schlimm wird.

Deshalb feiern sie auch noch mal so richtig einen Tag davor. Die Tolerade wummert laut, bunt, dreckig und schwitzig durch die Innenstadt. Sie hinterlässt Hörstürze, Müll, Grasgeruch. Eine Schneise der Verwüstung. Aber wenigstens war es noch einmal laut und bunt. Ab morgen dann wieder grau in grau. Und wenn wir auf die Straße gehen, dann verordnet. Vielleicht im nächsten Jahr wieder mit roter Nelke im Knopfloch. Oder mit blauem Adler an der Offiziersmütze. Vielleicht wird’s aber doch ein schwarzer Totenkopf.

Stellt euch die groteske Kombination der Symbole auf einer Flagge vor. Die einzigen beiden Flaggen mit diesen Farben sind übrigens die der Volksrepublik Donezk sowie Ostfrieslands. Eine ähnlich wilde Kombination; schon von den Sprachen her.

Das wirklich Beängstigende jedoch ist, dass die Tage des Zorns womöglich erst begonnen haben. Heute ist der letzte Tag vor der ungewissen Zukunft. Morgen ist der Tag, der die Tage des Zorns ins Rollen bringt. Und dann gnade uns Gott.

Doch der ist ja sowieso immer der Letzte, der helfen kann. Das müssen wir schon selbst und allein.


        © Dominik Alexander / 2024

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