lebenslang {ver} zweifeln

und dann wird er eines tages in die welt geworfen
nacktes fleisch auf nackte erde
und dann entdeckt er die sprache
doch still sollst du sein
und dann entdeckt er die schrift
die er nicht lesen kann

die buchstaben sind begrenzt
dafür die kombinationen endlos
jede neue kombination ergibt ein neues buch
und woher soll er denn wissen
ob sich zwischen den seiten etwas ganz und gar
UNGEHEUERES verbirgt
das er lesen muss

was es wohl sein mag
das sagt ihm vorher kein mensch
denn niemand kann wissen
was für ihn ungeheuer ist
ist es für einen anderen nicht
kann er es ihm nicht sagen
verkennt er das ungeheure
das ihn selbst nicht mehr loslässt
bis ein nächstes erscheint

aus dem zweifel wird immer so schnell
ein verzweifeln
immer zu schnell gibt er auf
die nacht bricht herein
wie gesagt wird
über seinem kopf zusammen
alles dunkelt in ihm
die worte verschwimmen
die sprache verkümmert
der zweifel wächst
doch bevor die verzweiflung ihn erdrückt
schlägt er die decke über den kopf
will nichts mehr sehen

das rauschen wird lauter
das meer in seinem kopf schwappt in wellen durch die nacht
alle schafe, die er zuvor gezählt hat
sind ersoffen
treiben irgendwo mit den aufgedunsenen bäuchen nach oben
im weiten und tiefen wasser

nasser wird es heute nacht nicht mehr
hört er sich im alptraum rufen
doch kein anderer hört seine worte
er hätte sie aufschreiben sollen
bevor er sich die decke über den kopf geschlagen …

am ende sind alle worte nur buchstaben
und buchstaben sind in dieser welt
endlich

noch nie war seine verzweiflung
so groß.


        © Dominik Alexander / 2024
        © Cdd20 (image)

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