Zuerst habe ich an den Bodennebel draußen vor dem Fenster gedacht, der so plötzlich dagewesen war, dass ich glaubte, vor einer Minute noch den blauen Himmel gesehen zu haben. Zuerst hatte ich also an diesen Nebel gedacht, dass der sich vielleicht durch den Spalt meines gekippten Fensters geschlängelt hatte, auf meinen Herd gelegt und dort nun vor sich hin seufzte, während die zwei aufgeschlagenen Eier in der Pfanne langsam festere Gestalt annahmen. Ich hatte mich mit diesem Glauben beruhigt, so wie man es oft macht, wenn einem das Wissen fehlt. Dann beruhigt man sich mit einem Glauben und will gar nicht mehr wissen. Weil man glaubt, man wüsste bereits.
Ich allerdings dachte nur. Der Gedanke manifestierte sich nicht, setzte sich nicht fest, krallte sich nicht ins Gehirn. Ebenso flüchtig wie der Bodennebel streifte er meine Wange, ließ meinen Körper in der kühlen Morgenluft in der Küche zittern, entschwand dann jedoch nach draußen durch das angekippte Fenster zum Bodennebel hinunter. Machte die gesamte Szenerie dort draußen noch ein kleines Stück unheimlicher.
Dann seufzte es erneut. Was ich zuvor bereits geahnt hatte, wurde nun zur Gewissheit: Das Seufzen kam von der Pfanne. Jedoch nicht von ihr selbst, sondern von deren Inhalt – von den darin sich aus flüssigem Zustand zu festem verändernden Spiegeleiern. Das Eiweiß stockte, veränderte sich von durchsichtig zu tatsächlichem Weiß. Was es scheinbar ungebührlich fand. Oder zu anstrengend. Oder generell schwierig, weil es in diesem festen Zustand trotzdem nicht zu dem wurde, was ursprünglich seine Bestimmung gewesen war: ein Küken. Ein lebendiges flauschiges Etwas, das sich ins Leben hineinpiepste.
Hier und heute seufzte es. Über den verlorenen Zustand? Darüber, dass es viel zu heiß war in dieser alten Pfanne? Dass es sich sein Leben ganz grundsätzlich etwas anders vorgestellt hatte? Ich wusste es nicht, stellte mir allerdings auch nicht diese Fragen.
Ich hörte das erste Seufzen der beinahe noch flüssigen Eimasse. Und hörte dann erstmal nichts anderes mehr. Nur noch das Seufzen der toten Küken.
Und habe sie später trotzdem gegessen. Mit großem Genuss.
© Dominik Alexander / 2024