Es war der neueste Schrei in der Stadt: die Wunderblume „Euphorica Celestis“. Ein unscheinbares, leicht welk aussehendes Pflänzchen in einem braunen Topf, das – und das sagten selbsternannte Experten aus aller Welt – wahre Wunder bewirken sollte. Der Haken? Es brauchte unglaubliche Pflege. Jeweils ein anderer Dünger für jeden Monat; kein Tag, an dem man den Lichteinfall nicht mindestens dreimal genau um zwölf Grad verschieben musste. „Eine himmlische Erfahrung!“ rief das Schild in der Boutique: „Mit der Euphorica Celestis wird dein Leben unendlich viel besser, du wirst nie wieder zurückblicken!“
Lydia, die all das in ihrem Leben gebrauchen konnte, kaufte zwei. Sie stellte die eine auf ihren Schreibtisch im Büro und die andere ins Wohnzimmer zu Hause. Jeden Morgen goss sie die Wunderpflanze mit exakt 34 Millilitern Regenwasser, das sie von der Dachrinne im Garten sammelte. Sie drehte sie jede Stunde zur Sonne und sprach leise Affirmationen, die dem Pflänzchen – so sagte die Verkäuferin – „helfen würden, sich selbst zu finden“. Eine Woche später spürte Lydia die Veränderung. Die Leute lachten öfter, ihre Projekte liefen wie von selbst, und sogar der Bus fuhr pünktlich, wenn sie die Haltestelle erreichte. Die Euphorica Celestis blühte zwar noch nicht, aber es kam ihr vor, als hätten sich die Blätter ein bisschen mehr gespannt, als wäre sie ein bisschen – frischer.
Und dann war da Karl. Ihr Kollege, der sie eines Morgens entdeckte, wie sie um acht Uhr früh die Blume in genau 3,2 Zentimeter Höhe in die Sonne hob. Karl verzog keine Miene, während Lydia ihm erklärte, dass Euphorica Celestis ihre Sinne geschärft habe, ihre Gedanken klarer und ihre Lebensfreude heller. Karl nickte, vielleicht etwas zu schnell, und am nächsten Tag erschien er mit seinem eigenen Topf. Seine Euphorica Celestis nannte er Jürgen und stellte sie auf den Tisch zwischen Drucker und Kaffeemaschine. Er goss sie sporadisch, einmal jeden Tag, und schien schon am dritten Morgen über ihre Wirkung zu berichten. Er sei fokussierter, sagte er, er fühle sich stark und kreativ wie nie zuvor. Vielleicht, gab er zu, könne er jetzt endlich diesen Roman beginnen.
Wochen vergingen, und das Büro strahlte in neuem Glanz. Euphorica Celestis stand jetzt auf acht Schreibtischen. Die Leute kamen mit Töpfen und tranken morgens in ihren Pausen Kaffee neben ihren Pflanzen. Die Euphorica blühte nicht – nicht bei Lydia, nicht bei Karl, nicht bei den anderen. Aber Lydia stellte fest, dass sie mit Euphorica Celestis einen Drive entwickelt hatte, wie sie es nannte, den sie nie für möglich gehalten hätte. Sie schlief weniger, schrieb mehr, hatte plötzlich Ideen und das Bedürfnis, „ihr wahres Ich“ zu finden. Selbst Karl begann, Kapitel für Kapitel seines Romans herunterzutippen, während Jürgen vor sich hin vegetierte. Und alle nickten sich gegenseitig zu, tauschten euphorische Berichte und beglückwünschten sich zur Entscheidung, die Euphorica mit Liebe zu pflegen. Sie lachten lauter, arbeiteten motivierter – und sogar die Chefetage schien ihnen wohlgesinnter.
Dann, eines Morgens, öffnete Lydia die Tür zum Büro und blieb verwirrt stehen. Karl blieb mit einem ebenso verwirrten Gesichtsausdruck hinter ihr stehen. Auf jedem Schreibtisch stand nun ein leerer Topf – die Euphorica Celestis war über Nacht auf wundersame Weise verschwunden. Nicht nur ein oder zwei Pflanzen, sondern alle. Das Büro war erfüllt von einem seltsamen Schweigen.
Einige Kolleginnen waren regelrecht panisch. „Vielleicht ist die Euphorica in eine höhere Dimension entwichen?“ flüsterte Susanne, die neben einem verlassenen Topf stand und zum leeren Platz hinunterblickte, als hätte sie den Verlust ihrer geliebten Großmutter zu verkraften. „Oder vielleicht haben wir sie nicht genug gedreht?“ murmelte jemand verzweifelt. Karl aber warf die Arme in die Luft und rief: „Na endlich! Es war doch alles nur…“
Da, ein Knacken. Ein Summen. Plötzlich surrten aus den leeren Töpfen winzige Drohnen empor und schwirrten bedrohlich über die Köpfe der Belegschaft. Ein kleiner Lautsprecher an einer der Drohnen begann eine Bandaufnahme abzuspielen. Die Stimme klang wie eine Mischung aus einer Meditationsapp und einer Hypnose: „Euphorica Celestis ist vollbracht. Ihr seid jetzt wahre Effizienzbringer. Euphorica Celestis hat das Beste aus euch herausgeholt.“
Alle starrten entsetzt zu den Drohnen. Und in diesem Moment erschien die Chefetage, klatschte begeistert und schwenkte ein Banner: „Effizienzsteigerung um einhundertzwanzig Prozent! Euphorica ist vollbracht!“ Ein Mitarbeiter stand auf und fragte mit schwankender Stimme: „Das heißt, die Blumen waren nie echt?“ Ein Manager nickte gnädig: „Echtheit ist relativ. Die Ergebnisse sind real. Nun zurück an die Arbeit!“
Die Drohnen schwirrten ein letztes Mal über die Köpfe der Menschen, ein sanftes, maschinelles Summen ertönte, bevor sie wie eine Miniaturarmee in die Lüftungsschächte verschwanden. Lydia lächelte schwach. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, öffnete das Dokument für den nächsten Bericht und sagte: „Also, solange Euphorica uns die Gehaltserhöhung bringt, die uns versprochen wurde, soll es mir recht sein.“
© Dominik Alexander / 2024