Es ist doch nur ein altes Fahrrad

In letzter Zeit haben wir bei der Arbeit
Vehement und immer öfter
Von einem Jobrad gesprochen
Endlich mal wieder ein neues Fahrrad
Mit modernem Aussehen
Mit moderner Technik
Endlich wieder was zum Herzeigen
Zum unbeschwert durch die Stadtlandschaft fahren
Und die Landschaft um die Stadtlandschaft herum
Klar ist so ein Jobrad
Nicht von einem auf den anderen Tag angschafft
Zuerst muss man einen Händler finden
Und dann ein passendes Fahrrad
Das alle Wünsche erfüllen kann
Die sich angestaut haben in den vergangenen zwanzig Jahren
So lange ist es nun schon her
Vielleicht sogar länger
Dass mich mein altes Fahrrad
Mal zuverlässig
Mal weniger
Durch Stadtlandschaften
Und Landschaften drumherum
Getragen hat
Und während ich suche
Mir einige Fahrräder markiere
Und schließlich virtuell immer wieder
Von einem zum anderen springe
Stelle ich fest
Dass alle irgendwie meinem alten Fahrrad ähneln
Meine Auswahlräder sind fast alle Grün
Mein altes Fahrrad ist grün
Meine Auswahlräder sind fast alle multifunktional
Mit Gepäckträger auf jeden Fall
Denn es soll mindestens eine Tasche tragen können
Mein altes Fahrrad hat erst seit wenigen Jahren einen Gepäckträger
Auch die alten Korkgriffe am Lenker habe ich ihm spendiert
Und erst seit ein paar Wochen
Hat mein altes Rad zwei neue Pedalen
Und einen schicken neuen Sattel
Vor kurzem musste ich wieder in die Werkstatt
Die Kette war komplett heruntergefahren
Und die Gänge ließen sich nur noch sporadisch schalten
Das Hinterrad wackelte hin und her
Verkehrstauglich war es kaum noch sehr
Als ich es nun in die Werkstatt geschoben hatte
Als es dann begutachtet wurde
Kam es mir so vor
Als würde ich mein Kind beurteilen lassen
Oder eher umgekehrt
Als würde ich einen Elternteil noch einmal zur Durchsicht schicken
Um danach ein Urteil fällen zu können
Altenheim oder probieren wir es noch mal zu Hause?
Und bei meinem Fahrrad:
Noch einmal Werkstatt, aber komplett?
Oder gleich zum Wertstoffhof zur Verschrottung?
Nach der Begutachtung war klar:
Am Ende wird wohl nur noch der Rahmen original sein
Soll es das wirklich gewesen sein?
Ich ließ mir einen Termin geben
Der nächste war erst in einem Monat frei
So lange hatte ich Zeit zum Überlegen
Und musste es doch gar nicht mehr
Meine Entscheidung stand fest
Und wurde nur noch fester
Jedesmal, wenn mich mein Fahrrad
Trotz offenkundiger Macken
Trotzdem jedesmal zum meinem Ziel brachte
Wo waren wir schon überall gemeinsam gewesen
Wo hatte ich es überall abgestellt
Um Landschaften zu bewundern
Um Fotos zu schießen
Um Freunde zu treffen
Um Theater zu spielen
Um zur Arbeit zu fahren
Und an der Elbe entlang
Durch Brennesselfelder
Durch tiefen Schnee
Und ich bin mir sicher
Dass mein Fahrrad jedesmal auch ein bisschen glücklich war
Wieder zu Hause zu sein
Aber wie ich auch
Trotzdem alle Strapatzen genossen hat
Und so brachte ich mein Fahrrad vorgestern natürlich
In die Werkstatt
Nicht zum Wertstoffhof
Es durfte viele neue Ersatzteile bekommen
Und sogar ein paar schicke neue Handgriffe
Schwarz glänzende Schutzbleche
Die endlich passten
Ein neues Tretlager
Neue Seilzüge zum sicheren Bremsen
Als ich es heute abgeholt habe
Stand es natürlich auch jetzt völlig emotionslos vor mir
Da ist keine Seele in einem Rad
Es ist immer noch ein Gebrauchsgegenstand
Der mich bestenfalls sicher von A nach B bringt
Und doch hat mich dieses
Emotionslose
Seelenlose
Fahrrad
Über zwanzig Jahre begleitet
Es hat mich aufwachsen sehen
Ist wie ein drittes Elternteil
Und als ich es schließlich
Behutsam
Im Keller abgestellt habe
Schien es mir
Dass es mir sagen wollte:
Danke.


        © Dominik Alexander / 2024

2 Comments Add yours

  1. Das kann ich so gut verstehen. In meiner Kindheit und Jugend war ich nur mit meinem Rad unterwegs. In der Großstadt mit 2 kleinen Kindern hatte es keine Aufgabe und blieb bei meinen Eltern. Die verkauften es irgendwann. Noch heute trauere ich ihm etwas nach.

    Noch viele gemeinsame Erlebnisse Euch beiden!

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    1. Vielen Dank! Manchmal denkt man so Sachen wie: Das ist doch schon alt! Oder: Was willst du noch mit dem alten Plunder? Nur, um später festzustellen: Das war schon noch ganz gut; das Neue kommt da gar nicht ran. Doch bis dahin kommen viele Menschen heutzutage gar nicht mehr, weil die Werbung gerne suggeriert, dass du nur mit neuen Dingen gesellschaftlich etwas wert bist.

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