Ums Leben würfeln

Ach, weißt du, es ist im Grunde gar nicht schwer. Stell dir vor, du fühlst dich leer, ausgelaugt, ohne tiefe Gedanken. Dennoch stehst du überall vor Schranken, an denen nie ein Zug vorüberrollt.

Du fühlst dich also schwer und nirgends abgeholt. Da kann man schon auf die Idee kommen, das eigene Leben aus den Händen zu geben. Einem anderen zur Verwahrung. Damit dich nichts mehr kümmert. Die sogenannte Seele hast du eh bereits verkauft. Hast nie an sie geglaubt. Und wenn es doch ein anderer tut, weshalb nicht noch ein wenig Kapital daraus schlagen?

Mit diesem Geld nun in der Hand könntest du dir etwas leisten. Doch bei dem Überangebot auf dem Markt implodiert dir nur der Kopf. Deshalb legst du es weder an noch sparst es für was Sinnvolles. Nein, es muss sofort wieder unters Volk. Oder anders gesagt: in den Geldkreislauf. Dort ist es ohnehin am besten aufgehoben. Und du bist deine Sorgen wieder los.

Sorgen. Du hast sie ohne Geld. Aber noch viel mehr mit. Was also ist der goldene Mittelweg? Na klar! Ein bisschen haben, es aber so schnell wieder loswerden, dass es niemand merkt, dass es je da war. Zumindest in deinen Händen. Am Ende kommt noch jemand und will etwas abhaben. Deine Schulden zurück. Oder noch schlimmer: welche bei dir machen.

Ne, ne, ne. Nur nicht so tun, als wäre dir das Leben irgend etwas wert. Arbeiten. Etwas verdienen. Und gleich darauf einen Grund finden, um erneut arbeiten zu müssen. Sonst hätte man ja nichts zu meckern. Darüber, dass das Geld nie reicht. Dass du mit einem Hungerlohn abgespeist immer nur am Almosenknochen nagen musst.

Oder so ähnlich. Aber ist schon dämlich, dass eines Tages oder eher Nachts dieses Laster bei dir um die Ecke bog. Oder eher du in die Eckkneipe hinein. Da wo Alkohol und Spiele ganz eng beieinander wohnen. Die Würfel haben es dir jedenfalls angetan. Überschaubare sechs Möglichkeiten, stets eine klare Kante. Sieg oder Niederlage. Alles nah beieinander.

Die Möglichkeiten sind begrenzt, aber eben auch so vielfältig. Drei Siege hintereinander sind schon ein Grund für noch mehr Alkohol. Ein paar Schulterblicke mehr in den rauchigen Raum hinein. Etwas gewinnen ist hier nicht vorgesehen. Auch nicht gern gesehen vom Personal. Aber das glauben nur die Spieler.

Beim Würfelspiel geht es mehr oder weniger ums Leben. Eher weniger. Denn eigentlich geht es nur darum, das Geld loszuwerden. Oder wie es der Spieler sagt: es zu verwahren. Jederzeit kann ich hier gewinnen. Wenn ich nur will. Sagt er. Was er verdient, so bildet er sich ein, wollen andere nur haben. Also wird er es lieber gleich los. Und lacht über die, die es nicht bekommen.

Sein Vermieter beispielsweise. Oder die unzähligen Onlinehandlungen, bei denen er auf Kredit bestellt hat. Sein Mobilfunkanbieter sowieso. Vielleicht auch ein paar Arztrechnungen. Aber das weiß er nicht mehr so genau.

Im Grunde ist auch alles egal. Die Apokalypse kann nicht mehr lange auf sich warten lassen. Der Krieg wird bald an die Haustür klopfen. Doch dann bleibt die Tür verschlossen. Denn er ist schließlich hier. In der Eckkneipe, wo er jeden Abend um sein Leben würfelt.


        © Dominik Alexander / 2024

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