Heinrich Heine schreibt sein Wintermärchen im grauen Monat November des Jahres 1843. Ob er sich darauf gefreut hat, nach dreizehn Jahren im teils selbstgewählten Exil in Paris seine Heimat wiederzusehen? Hauptsächlich will er sich wohl lediglich ein aktuelles Bild machen. Berufsbedingt. Er will wissen: Sind diese Deutschen, über die ich von Frankreich aus schreibe, immer noch so wie zu der Zeit, da ich ihnen den Rücken kehrte? Oder nennen sie mich da drüben zurecht einen „Nestbeschmutzer“?
Deutschland in diesem Sinne gibt es damals noch nicht. Noch immer herrscht Kleinstaaterei oder im Hein’schen Duktus: der Kleingeist. Sehnsucht beherrscht das Denken. Die Menschen leben mehr in den Wolken, in ihren Vorstellungen, als auf Erden. Daran hat sich in all den Jahren nichts geändert, so Heines Befund nach seinen beiden Reisen, die ihn vom Rheinland über Osnabrück bis nach Hamburg führen.
Am Theater in Ansbach ist Deutschland. Ein Wintermärchen ein Kammerstück für eine Person. Das große Stahltrapez, das in seinem Zentrum mit dem Bühnenboden verbunden ist und sich so um sich selbst drehen lässt, füllt beinahe die gesamte Bühne aus. Diese Konstruktion ist vieles, vor allem Echokammer und Projektionsfläche für Heines Versepos.
Robert Arnold als Heines Alter Ego spielt in seiner unmittelbaren Nähe zum Publikum einnehmend, mitnehmend, verletzlich, suggestiv, komisch und stets hintergründig. Denn Heines Verse schaffen etwas, das derart alte Gedichte in der heutigen Zeit selten vermögen: Sie packen diejenigen, die sich auf sie einlassen. Denn sie sind in weiten Teilen – leider – noch immer aktuell. Dazu wirken sie durch ihre zuweilen unsauberen (einige würden sagen „abwechslungsreichen“) Reime und Rhythmen überraschend modern.
Die Aufführung von circa 85 Minuten beginnt am Anfang des Wintermärchens. Heine beschreibt seine Wiedereinreise in deutsche Lande im November 1843. Wir sehen den Darsteller im Trapez sitzend; sein Rücken ist dem Publikum zugewandt. Das Stück beginnt, als die ersten Takte des Guns N’ Roses-Klassikers November Rain erklingen. Der Text erklingt dagegen nicht; die erste Passage wird geloopt und während des Stücks noch einmal verwendet.
Im weiteren Verlauf der Handlung werden weitere Rock- und Pop-Klassiker sowie Klassik-Hits angespielt. Sie akzentuieren und kommentieren Heines Lyrik, indem sie meist englischsprachige Texte darüberlegen. Wer des Englischen nicht mächtig ist, kann das genießen. Wer die Lieder im Kopf mitsingt, für den werden Heines Worte auf der Bühne zuweilen in den Hintergrund gedrängt. An manchen Stellen ist das zu viel. Besonders auffällig beim Monty-Python-Schlussakkord zu Life of Brian und dem Ratschlag Always look on the bright side of life. Gerade hatte sich Heine wieder recht pessimistisch an seinen Mitmenschen vorbei bewegt. Da wirkt der satirische Gassenhauer beinahe wie Hohn, sorgt im Publikum jedoch für Heiterkeit.
Besser eingesetzt ist die Musik beim Pionierlied Unsere Heimat aus dem Jahr 1951. Bekannt ist es vor allem bei ehemaligen DDR-Bürgern. Bundesdeutsch sozialisierte Menschen achten hier mehr auf den Text und halten ihn für latent problematisch. So Robert Arnold nach der Vorstellung, als er von Begegnungen mit Zuschauern voriger Aufführungen des Stücks erzählt. Und das, obwohl er den Heimat-Begriff vom negativ konnotierten Gebrauch zur Zeit des Nationalsozialismus wieder positiv besetzen wollte.
Kurz zuvor ziehen in schneller Folge Bilder der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts in Schwarz-Weiß-Bildern über die hohe Querfläche der Trapezseite; an einem Bild ist am unteren Rand der Herkunftsnachweis von Shutterstock erkennbar. Während sich über die Szene das Pionierlied legt, steht Robert Arnold einfach vor der Projektionsfläche und schaut ins Publikum. Der Heimat-Begriff wird vielfach auf den Darsteller geworfen und kann so auf vielfältige Weise seine Wirkung entfalten.
Fragen schichten sich auf: Was bedeutet Heimat? Darf, ja, muss man sogar die Heimat verteidigen? Auch unter als falsch wahrgenommenen Prämissen? Wer gehört zur Heimat? Kann Heimat etwas Negatives sein? Es ist eine ruhige, doch gleichzeitig eindringliche Szene. Sie wirft mich in der Zeit zurück in meine ersten Schuljahre, in denen ich dieses Lied gesungen habe.
Beinahe hätte ich geschrieben: singen musste. Denn eigentlich gefällt mir das Lied. Die Melodie ist nicht geradlinig. Vielmehr schwebt sie zwischen den musikalischen Stimmungen, hat Versatzstücke von Dur und Moll gleichermaßen. Es scheint, als hinterfrage die Melodie selbst den Text, der auf sie gesetzt wurde. An dieser Stelle von Heines Wintermärchen kommt dieser Effekt intensiv zum Tragen.
Auf andere Art intensiv und gelungen sind zwei historische Szenen – historisch bereits aus Heines Sicht. Die erste Szene handelt von der sogenannten Varus-Schlacht, mit der sich im Jahre 9 n. Chr. das Schicksal der und des Deutschen gewissermaßen entschieden hat. Robert Arnold rezitiert Heines Verse nach den Überlieferungen des Tacitus (vom Darsteller historisch korrekt das C im Namen als K-Laut ausgesprochen), berichtet vom Sieg der Germanen, davon, dass die Römer daran gehindert wurden, weiter auf germanisches Gebiet vorzudringen.
Die Quintessenz davon, dass die Germanen deutsch geblieben und nicht römisch geworden sind, wird wehmütig und bedauernd kommentiert. Kein Dolce Vita, kein cielo azzurro, keine Lebensfreude. Dafür Zucht, Ordnung und Disziplin. Regisseur Frank Siebenschuh, der auch für Bühne und Kostüm verantwortlich zeichnet, zieht in dieser Szene alle Register, indem er Robert Arnold zu den Klängen von Adriano Celentanos Klassiker Azzurro über die Bühne tanzen lässt.
Das also haben wir uns selbst mit dem Sieg bei Kalkriese versagt. Unweigerlich denkt man an italienische Pasta und mediterrane Küche mit viel Gemüse im Gegensatz zu den deutschen Würsten und Kraut in allen denkbaren Variationen, die Heines Mutter dem Rückkehrer bei seiner Ankunft kredenzt hat. Als die Musik abrupt stoppt, liegen die fetten Speisen auch als Gedanke sehr schwer im Magen.
Bei der zweiten historischen Szene reisen wir gedanklich zum Kyffhäuser und besuchen Kaiser Barbarossa, den Rotbart, zu den Klängen von Ravels Boléro. Interessanterweise hat Ravel selbst seinen Boléro als ein „Orchesterwerk ohne Musik“ bezeichnet. Parallel dazu wäre Barbarossa der „Kaiser ohne Reich“, der in seinem Berg schläft und darauf wartet, dass sich die kleinen und größeren deutschen Fürstentümer endlich zum großen Ganzen vereinen. Im Zusammenspiel mit dem Wintermärchen ging für mich inhaltlich einiges verloren, da ich lange darüber grübelte, bei welcher anderen Gelegenheit der Boléro als musikalisches Bett verwendet worden war. Bis es mir einfiel: für den Film über Monets Leben und Schaffen in der gleichnamigen visuellen Ausstellung.
Das Ende des Stücks kommt abrupt und ist lange nach dem Ende nicht als Ende erkennbar. Ja, die Bühne ist verdunkelt und bleibt es; Robert Arnold steht erkennbar unbewegt und bleibt es. Doch ich wagte dennoch nicht zu applaudieren. Zwei Fragen vermischten sich in diesem Moment in mir. Zum einen: Ist das hier das Ende oder kommt noch etwas? Immerhin gab es zuvor bereits einige Szenen, in denen die Musik abrupt stoppte und es dennoch weiterging. Im Zusammenhang mit den verwendeten Musikstücken hatte ich das Ende nach Monty Pythons Always look on the bright side of life erwartet. Alles, was danach folgte, war stets eine weitere Ergänzung an das doch bereits erlebte Ende.
Zum anderen: Was hat der Darsteller zuletzt gesagt? Denn das war nicht das Ende des Wintermärchens, jedenfalls nicht das von Heine. Es war vielmehr eine Art Ende des Wintermärchens des Theaters Ansbach. Denn die letzten Verse widmet Regisseur Frank Siebenschuh den Querelen rund um das Haus, in dem nicht einmal für eine Saison im voraus geplant werden kann, sondern lediglich ein Vierteljahr, in dem die große Bühne wegen früherer Baumängel gegenwärtig saniert werden muss, das für jeden Förder-Euro Rechenschaft ablegen muss – nicht nur regulär bei den Fördermittelgebern, sondern auch bei Medien, Politik und Gesellschaft.
Diese letzten Verse gehen unter der Wucht von Heines Wintermärchen etwas unter, schaffen keinen fulminanten Schlussakkord, sondern lassen vielmehr fragend, rätselnd und wartend zurück. So abrupt wie einige Musikabbrüche im Stück, so unvermittelt sitzt man vor dem Ende und weiß nicht recht, ob man überhaupt applaudieren darf – so aktuell und unglücksverheißend Heines Worte daherkommen. Vielleicht auch deshalb ist das Ende durchaus gut gewählt. Der wilde Ritt durch deutsche Lande im grauen November des Jahres 1843 ist wie ein Orkan über die Bühne gefegt. Nun sitzt man da: gefesselt, entfesselt, benommen, beklommen, betroffen.
© Dominik Alexander / 2024
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