Eigentlich könnte ich jetzt wieder über die Grundstraße lamentieren, die ich erneut auf allen Vieren hinaufgefahren bin. Könnte schreiben über drängelnde Autofahrer, über hingeworfene Baustellen, über verunfallte Busse auf der anderen Straßenseite, die gerade am Abschleppdienst hängen, als ich den Berg hinaufschnaufte, über Kinder auf E-Bikes, die am Handy Pokemons suchend an mir vorbeirollen, ohne mich wahrzunehmen, über eine strahlende Sonne, die mich meinen Pullover verfluchen ließ, über die Zumutung, hier aller drei Monate hoch zu müssen, obwohl mein letzter epileptischer Anfall über zwei Jahre her ist.
Über all das könnte ich schreiben, doch längst spüre ich keine Veranlassung mehr dazu. Die Grundstraße ist auserzählt. Sie bewegt mich nicht mehr so, wie ich mich auf ihr bewege. Jedesmal ist es eine Herausforderung, denn drei Monate zwischen zwei Einheiten trainiert mir den Weg schließlich nicht an. Ich müsste regelmäßig die Grundstraße hinauf – in kürzeren Abständen. Doch das muss ich nicht, und freiwillig tue ich mir das nicht an. Mit einem E-Bike vielleicht. Doch für die Grundstraße hinauf mit einem E-Bike müsste ich ja nicht trainieren. Dann wäre der tägliche Kampf zum einen kein Kampf und zum anderen nur eine Zeitverschwendung.
Die Grundstraße ist mir mittlerweile zur Gewohnheit geworden, an der es nichts Neues, Außergewöhnliches, Spannendes mehr gibt. An der Grundstraße habe ich bereits alles erlebt – außer einen Unfall am eigenen Leib – mittlerweile erlebe ich da nur noch Wiederholungen in jeweils anderen Kombinationen und Konstellationen. Immerhin ist ein Aspekt anders: Hinter jeder Kurve könnte es etwas Überraschendes geben: Ein Auto steht quer, ein Kind rennt über die Straße – oder schlendert, die Augen auf den Handybildschirm geheftet – ein Hund rennt über die Straße, ein Haufen Herbstlaub liegt auf dem Fahrradstreifen.
Die Kurven der Grundstraße sind Konstanten, seit ich diese drei Kilometer zum ersten Mal gefahren bin. Mittlerweile freue ich mich schon gar nicht mehr, wenn ich oben angekommen bin, denn ich zähle einfach die Kurven, sehe die Höhenkante und weiß, wie weit es noch ist. Sehe die letzte Kurve und weiß – jetzt muss ich noch kurz auf den Gehweg; dann ist es geschafft. Denke das ohne Emotionen. Es ist mehr ein gedankliches Abhaken auf meiner Grundstraßenliste. Für heute wieder geschafft und dann noch die Abfahrt zurück. Über die ich selten schreibe. Im Grunde gar nicht.
Denn die Grundstraße hinunterzufahren ist keine körperliche Anstrengung, nur eine geistige.
Heute Nacht hatte ich wenig Schlaf. Die Sonne geht bald unter. Als ich heute Morgen zur Arbeit gefahren bin, leuchtete mein Rücklicht nicht mehr. Seitdem bin ich nicht zum Aufladen gekommen. Wenn ich die Grundstraße wieder hinunterfahre, wird es kaum noch hell sein. Irgendwie muss ich es ohne leuchtendes Rücklicht in die Innenstadt schaffen. Möglichst ohne Unfall. Deshalb fange ich jetzt gar nicht erst an, über meine Rückfahrt, die Grundstraße hinunter, zu schreiben, sonst schreibe ich das Unglück nur herbei.
© Dominik Alexander / 2025