Das Ehrenfried Walther von Tschirnhaus Gymnasium in der Dresdner Südvorstadt ist eine Schule ohne Rassismus; Schule mit Courage. So jedenfalls behauptet es das große Schild im Eingangsbereich des hellen, modernen Baus. Am Wahlsonntag zum 21. deutschen Bundestag ist der Slogan jedoch kaum noch lesbar. Denn am Schild kleben viele gelbe Zettel mit Gedanken der Schüler. Ich habe mir diese Zettel einmal genauer angeschaut.
Am Wahlsonntag bin ich mal wieder Wahlvorstand am Tschirnhaus-Gymnasium. Seit ich umgezogen bin, ist das für mich nicht mehr der nächste Weg. Doch ich habe das Gymnasium als meinen präferierten Ort extra angegeben, da der dortige Hausmeister klasse ist, mein Team sowieso, und auch die Architekur des Gebäudes zieht mich an. Meine Frühschicht ist gerade vorbei. Meine Ablösung ist da. Wenig später bin ich schon beinahe aus der Eingangstür heraus, als mein Blick auf das große Schild im Eingangsbereich fällt, das behauptet, das Tschirnhaus-Gymnasium sei eine Schule ohne Rassismus. Da ich den Slogan nicht auf den ersten Blick lesen kann, schaue ich genauer hin und sehe erst da, dass dort viele kleine gelbe Zettel kleben.
Als ich näher dran bin, stelle ich fest, dass da nicht einfach nur ein Muster geklebt wurde, wofür diese kleinen Zettel ja oft zweckentfremdet werden, sondern dass auf jedem Zettel die individuellen Gedanken einer Schülerin oder eines Schülers zum Slogan geschrieben sind. Insgesamt sind es 38 Zettel. Scheinbar sind sie das Ergebnis einer Projektwoche, in der die Gruppe sich mit der Frage auseinandersetzen sollte, ob ihre Schule tatsächlich eine ohne Rassismus und mit Courage ist. Folgende Kurzreflexionen sind das Ergebnis:
Gibt es Rassismus hier? Ja. Es gibt immer noch Diskriminierung in der Schule.
Irgendwie nicht wirklich.
Ich finde, dass wir in der Zukunft mehr Courage zeigen können. Jeder sollte das Thema ernst nehmen.
Ich würde sagen, dass wir Rassismus gut unter Kontrolle haben, dass aber trotzdem noch ein paar Menschen wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert werden.
Die, die rassistisch sind, rauswerfen!
Es gibt leider immer noch Vorurteile, und ich würde mir mehr Diversität wünschen und dass diese auch respektiert wird.
Sind wir eine Schule ohne Rassismus? 50/50
Ich hoffe, dass in Zukunft couragierter gehandelt wird. Jeder sollte erst nachdenken, was er sagt. Jeder sollte auf seine Herkunft, Name, Religion stolz sein!
Ich finde, dass es Personen in dieser Schule gibt, die ausländerfeindlich sind, aber der Großteil ist nett.
Wir sind fast in allen Themen eine Schule ohne Rassismus.
Nein, sind wir nicht.
Wenn Leute Hilfe brauchen, wirklich helfen und zu Hilfe kommen! Couragiert handeln!
Was müssten wir tun, um eine Schule ohne Rassismus zu sein? In Zukunft hoffe ich, dass viele Schüler besser in solchen Situationen handeln können.
Ich würde es sehr toll finden, wenn die Schüler mehr Respekt untereinander zeigen würden.
Ich denke, dass unsere Schule schon viel dafür tut, dass es weniger Rassismus gibt. Aber man kann es natürlich nicht komplett verhindern.
Man sollte sich nicht nur auf sich selbst konzentrieren, um der Schule ohne Rassismus gerecht zu werden.
Wir sind auf einem guten Weg, eine Schule ohne Rassismus zu werden, doch es muss mehr Aufklärung auch in der Lehrerschaft passieren.
Ich würde sagen, es gibt überall Rassismus, auch an unserer Schule, und man kann es leider auch nicht verhindern.
Ich hoffe, dass wir irgendwann wirklich eine Schule ohne Rassismus sein können.
Wenn man jemanden ärgert: 1) Warnung; 2) Eltern sagen; 3) Schulverweis; 4) WEG!
Nein, wir sind keine Schule ohne Rassismus, da es immer vereinzelt zu rassistischen Vorfällen kommt.
Es sollte keinen Rassismus an der Schule geben, weil es Menschen sehr verletzen kann. Deshalb hoffe ich, dass es an unserer Schule keinen Rassismus mehr gibt.
Ich denke, wir sind schon eine Schule ohne Rassismus, trotzdem gibt es, glaube ich, manche Personen, die rassistische Sprüche bringen.
Leider gibt es immer noch Leute, die andere diskriminieren; da muss man couragiert handeln.
Ich finde, man hat in dieser Woche viel darüber gelernt, aber ich muss sagen, dass unsere Schule nicht so wirklich ohne Rassismus ist. Man hört öfters mal rassistische Beleidigungen auf dem Gang. Vielleicht ist es auch als Spaß gemeint, aber es ist trotzdem nicht okay.
Ich wünsche mir weniger Diskriminierung und Rassismus in den Klassen; dass auch mehr darüber geredet wird.
Ich wünsche mir, dass alle versuchen, immer andere so zu behandeln, wie sie auch behandelt werden wollen.
Leider gibt es ein paar Lehrer, die Schüler diskriminieren, und ich finde, dass die nicht an unserer Schule unterrichten sollten oder dass sie sich bessern sollten.
Ich sehe und merke den Rassismus oft in der Schule. Nicht an mir, aber merken tue ich es trotzdem. Zum Beispiel bei dunklen Kindern oder Ausländern. Doch leider tut die Schule nichts dagegen. Auch wenn die Schüler etwas sagen, tun sie nichts.
Also, immer sind wir wahrscheinlich keine “Schule ohne Rassismus”, aber ich denke, wenn sich alle bemühen, freundlich zu sein und nicht diskriminierend, dann schaffen wir es vielleicht.
Das Projekt ist gut dafür geeignet, um das Ziel zu erreichen.
Bitte denkt darüber nach, welche Worte ihr wählt, um mit euren Freunden zu scherzen!
Leider nicht, aber wir dürfen nicht damit aufhören, gegen Rassismus zu sein.
Nein, nicht ganz. Es könnte aber sein, wenn wir alle zusammenarbeiten. Und keine Diskriminierung zeigen.
Es gibt leider auch an dieser Schule Rassismus! Um keine Schule mit Rassismus zu sein, müssen wir unsere Vorurteile zur Seite schieben!
FCK AfD. Wir sind keine Schule ohne Rassismus. Die Schüler:innen müsste man mehr über das Thema aufklären.
Ich finde, wir sind schon im Vergleich zu anderen Schulen eine Schule ohne Rassismus.
Es gibt leider einige rassistische Schüler, aber der Großteil ist nicht rassistisch.
Auf den ersten Blick sah das für mich wie eine Guerilla-Aktion der Schüler aus. Zuerst hatte ich nur ein paar Zettel gelesen. Die legten eher den Schluss nahe, dass einige Schüler mit dem Schild und der dazugehörigen Auszeichnung nicht einverstanden waren, weil sie täglich durchaus Rassismus an ihrer Schule erlebten. Ich unterstellte den Jugendlichen eine gehörige Portion Mut, dass sie derart auf ihre Beobachtungen, vielleicht auch Ängste aufmerksam machten.
Doch als ich nach meiner Pause am Abend für das große Auszählen der abgegebenen Stimmzettel zurückkehrte, kam ich ein paar Minuten früher, um mir alle gelben Zettel durchzulesen. Aus allen Wortmeldungen ging nun klar hervor, dass es eher eine Aufgabe im Klassenverbund oder im Zusammenhang mit einem Projekt, in jedem Fall unter der Aufsicht eines Lehrenden gewesen sein musste. Andernfalls wären die Zettel vor der Wahl sicher auch entfernt worden.
Den Zeitpunkt fand ich dennoch interessant gewählt. Denn nicht nur ich blieb stehen und las mir die Zettel durch; nicht wenige Wählende blieben ebenfalls vor dem Schild stehen, um herauszufinden, was da geschrieben stand. Offenbar sollte die Aktion aufmerksam machen, auch ein Publikum, das diese Schule sonst nicht besucht. Daher verstehe ich die Installation auch als eine Art internen wie externen Hilferuf. Ebenso wie ich die Auszeichnung Schule ohne Rassismus nicht wie eine Tatsache verstehe, sondern als Ansporn, sich täglich dafür einzusetzen, dass es so bleibt oder eben immer besser wird.
Einige wenige Zettel haben mich schließlich auch wütend gemacht: die, auf denen steht, dass Lehrende selbst Auslöser für Rassismus sind oder nicht einschreiten, wenn sie diskriminierende Handlungen erkennen. Das ist umso beschämender, als dass Schüler dieses Verhalten mitbekommen, sich dann jedoch ohnmächtig fühlen, da es vor allem die Lehrer sein sollten, die als Vorbilder vorangehen müssen.
Als Schüler diesen Lehrenden bei der Schulleitung zu melden, ist gewiss mit noch mehr Mut verbunden. Andere Zettel bieten jedoch auch dafür eine Lösung: Sprecht erst einmal miteinander, anderen Schülern, denen ihr vertraut. Und dann meldet Rassismus als Gruppe; zeigt gemeinsam Courage. Diese Quintessenz ergab sich hoffentlich auch bei dem Workshop – mir selbst zwar unbekannt, doch durch die 38 gelben Zettel sehr authentisch und berührend präsentiert.
© Dominik Alexander / 2025