Schwerelosigkeit. Im Meer

Jetzt schwerelos im Wasser treiben. Meinetwegen in einem Meer. Vielleicht auch nur in einem See. Aber keinem Badesee. Nur ja keinem… Badesee ist was für viele Leute. Und die kann ich jetzt gar nicht brauchen. Ich will mich treiben lassen – muss mich treiben lassen. Weil gehen zur Zeit nicht geht. In genau diesem Sinn.

Das Wasser um mich ist wie eine zweite Haut. Wie ein durchlässiger Panzer, der sich nicht anfühlt wie ein Panzer und deshalb noch schützender ist.

Ebensowenig wie ich Menschen um mich will, will ich Fische oder sonst irgendein Lesewesen. Mikroskopisch kleine dürfen es gerne sein. Solche, die durch mich hindurch schwimmen, ohne dass ich es bemerke. So wie ich durch das Wasser schwimme, ohne dass es das Wasser bemerkt.

Doch ich schwimme nicht. Ich falle, lasse mich treiben, hoffe vielleicht auf etwas Strömung, die mich vom Grund fernhält und einfach weiter trägt.

Soll es mich doch in einen hochgelegenen Bergsee tragen. Türkisblaues Wasser ohne Tiefe, ohne Höhe. Kein Horizont. Keine Pflanzen. Nur feiner Sand am Boden, in dem sich der blaue Himmel ohne Wolken widerspiegelt. Ein grünes Blau – ein blaues Grün. Dazwischen ich allein ohne Gewicht, ohne Sprache, ohne Gedanken – zeitlos.

Denn wo keine Zeit ist, ist auch keine Materie. Das Wasser und ich in ihm wären nur in meinen Gedanken – außerhalb von Raum und Zeit. Alles im Nichts. Nichts in allem. Ich lasse mich tragen – schwerelos – ohne etwas zu sehen; alles zu wissen.

Vor wenigen Minuten habe ich heißen Tee in meine Tasse gegossen. Habe einmal kurz am Tee genippt. Habe auf den Grund der Tasse gesehen – kein grünes Blau, kein blaues Grün. Ein karamellfarbenes Braun, das jetzt noch dunkler und schon wieder kalt ist. Die Atome werden bewegt, tänzeln umeinander, stoßen sich aneinander ab, finden nicht mehr zusammen.

Und so wie seine Wärme hat der Tee auch seinen Geschmack verloren. Wo keine Bewegung ist, da ist keine Wärme. Wo keine Wärme ist, da ist kein Sein.

Plötzlich schließe ich in meinem Wasserpanzer meine Augen und sehe die ganze Welt.


        © Dominik Alexander / 2025

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