Kolumne 666: Fahrradstraßen

Die Höchstgeschwindigkeit auf Fahrradstraßen in Deutschland beträgt 30 Kilometer pro Stunde. Fahrradfahrer haben hier Vorrang und dürfen nebeneinander fahren. Autos und Motorräder können zugelassen werden, müssen Fahrrädern jedoch Vorfahrt gewähren. Soweit die Straßenverkehrs-Ordnung. Doch wie sieht es in der Praxis aus? Ein Bericht.

„Auf Fahrradstraßen haben Radfahrer Vorrang. Vor allem im innerstädtischen Bereich sind sie ein wichtiger Baustein, um den Radverkehr sicherer und attraktiver zu machen. Die Menschen sollen so zum Umstieg auf das umweltfreundliche Verkehrsmittel Fahrrad motiviert werden. So können Lärm, Staub und Abgase reduziert werden“, sagte der damalige sächsische Verkehrsminister Martin Dulig im November 2023 bei der symbolischen Übergabe von 4,5 Millionen Euro Fördermittel für den Ausbau der Radroute Ost in Dresden an den damaligen Dresdner Verkehrsbürgermeister Stephan Kühn.

Die Route ist etwa fünf Kilometer lang und beginnt am Straßburger Platz. Von dort führt sie über die Comeniusstraße, den Stresemannplatz, die Laubestraße, die Prossener Straße, die Glashütter Straße und die Kipsdorfer Straße bis zum Schulcampus Tolkewitz. Wer sich das auf der Karte anschaut, erkennt keinen einheitlichen Verlauf. Die Route ist durchaus anspruchsvoll und durchzogen von Schikanen, Straßenkreuzungen ohne Ampeln und Teilstücken, die keine Fahrradstraßen sind. Laut Konzept soll das für Radfahrer eine komfortable und sichere Infrastruktur sein. Die Realität sieht anders aus.

Mein täglicher Arbeitsweg auf der Route des Zorns

Seit Oktober 2023 sind fast genau drei Kilometer der Radroute Ost mein täglicher Arbeitsweg. Das sind etwa zehn Minuten von meinem Zuhause zur Arbeit. Darüber beschwere ich mich ganz sicher nicht. Es könnte schlimmer sein. Definitiv. Was gibt es dennoch zu bekritteln? Vor allem die auf der Fahrradstraße auch zugelassenen Autofahrer mit ihren latenten Mordwerkzeugen. Es fängt damit an, dass es vor dem Ausbau von Nebenstraßen zu einer Fahrradstraße die Infrastruktur an sich bereits gab. Was verändert wurde, sind hauptsächlich Straßenmarkierungen und Beschilderungen. Es gibt keine neuen Ampeln. Für die Autofahrer veränderte sich rein optisch nichts.

Mit meinem Fahrrad bin ich nun wahrlich kein Raser. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt knapp über 20 Kilometer pro Stunde, Pausen an Kreuzungen eingerechnet. Auf ebener, gerader Strecke komme ich also auf gut 25 Kilometer pro Stunde. Und kann damit einschätzen, welcher Autofahrer sich an die 30 Kilometer pro Stunde Höchstgeschwindigkeit hält und wer nicht. Gemessen daran, wie oft ich mit knapp einem halben Meter Seitenabstand weit schneller überholt werde, lässt mich daran zweifeln, dass die hier fahrenden Autofahrer die Regeln auf Fahrradstraßen kennen.

Und wenn doch, dann verhalten sie sich bewusst verkehrsgefährdend und asozial. Warum das so ist? Ich kann nur mutmaßen. Weil sie mit ihren Autos auf einer einzigen Straße im Dresdner Stadtgebiet keine Vorfahrt haben, müssen sie in passiv-aggressiver Weise dagegen protestieren. Schließlich gibt es keine Hinderungsgründe. Welcher Fahrradfahrer, der froh ist, gerade noch so mit dem Leben davongekommen zu sein, schreibt sich schon geistesgegenwärtig das Kennzeichen des Delinquenten auf oder macht Beweisfotos? Vor Gericht stünde dann trotzdem Aussage gegen Aussage. In dubio pro reo. Und wer vorausschauend mit einer Radkamera auf dem Lenker unterwegs ist, gehört direkt zur Gattung Freiwild.

Mein Rückzug von der Fahrradstraße auf den Fahrradstreifen

Mittlerweile umfahre ich die Fahrradstraße, so gut es geht. Ihre nördliche Parallelstraße, die Hauptverkehrsschlagader Schandauer Straße, ist mein liebster Rückzugsort. Dort gibt es nur einen aufgemalten Fahrradstreifen mit durchgezogener weißer Linie als Begrenzung, der ab und zu von Lieferfahrzeugen oder Krankenwagen blockiert wird. Doch ich fahre hier komfortabler und sicherer als nebenan. Weshalb das so ist? Auch hier kann ich nur mutmaßen. Vielleicht, weil hier die Hackordnung klar ist, die Autofahrer also die Könige der Straße sind und den Fahrradfahrern gütig und gnadenvoll einen kleinen Fahrstreifen überlassen können.

Bei durchgezogener weißer Linie am linken Rand des Fahrradstreifens müssten Autofahrer gar keinen Abstand halten. Bei unterbrochener Linie gilt ein Abstandsgebot von anderthalb Metern. Dennoch habe ich auf der Schandauer Straße das Gefühl, dass Autofahrer uns Radfahrer hier ernster nehmen und respektvoll mit uns umgehen. Während auf der Fahrradstraße zuweilen die selben Leute stets kurz davor sind, aus Frust über die Degradierung jeden Fahrradfahrer umzunieten. Sicher wären Fahrradfahrer hier jedenfalls erst wieder, wenn die Radroute Ost keine Fahrradstraße mehr wäre.


        © Dominik Alexander / 2025


Kolumne 666 besteht aus eben so vielen Worten. Dabei werden zwei Themen miteinander verwoben, die zuweilen kaum etwas miteinander zu tun haben. Ein Thema ist aus dem Pool an Schlagzeilen der vergangenen letzten Tage entnommen; das andere Thema entstammt meiner eigenen Biographie. Kolumne 666 ist ein serienhafter Kommentar zum Zeitgeschehen und soll zum Nachdenken mit anschließender Diskussion anregen; entweder hier oder im eigenen Bekanntenkreis.

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