Ich sitze ein wenig frierend in meiner Bibliothek, spüre die Kälte von draußen an meine Fenster klopfen. Sie begehrt Einlass, doch ich lass sie nicht rein. Gehe selbst heute nicht mehr heraus. Denn da war ich schon. Bei dem hämmernden Specht, den sich bekeifenden Gänsen, den gelben Flechten – schlicht: ich war im Park.
Bis dahin wird Kant doch wohl gekommen sein: wenigstens vor die Haustür. Wie weit von da? Er wird doch nicht stetig schreibend sein Dasein im Haus verbracht haben? Und wenn er auch ab und zu einen Fuß vor die Tür gesetzt haben mag: seinen Schriften merkt man den Gelehrtenstaub an. Da ist nichts von Welt, sondern immer nur ein stetig tiefer graben. Nichts weitläufiges. Tiefgründig musste es sein. Denn wer nicht in die Weite strebt, muss die Entfernung in sich selber finden. Oder eben unter sich. In all den verschlungenen Bücherpfaden der eigenen Behausung.
Möglicherweise drehen sich auch meine Texte oft um ein Thema: die Nacht oder der Mond; in jedem Fall das Dunkel. Die Lampe über dem Tisch leuchtet. Doch draußen herrscht das alles verschlungene Schwarz. Ideen kommen mir hier nur aus mir selbst heraus. Assoziieren ist weitestgehend widerkäuen. Im besten Fall: etwas Altes analysieren, es widerlegen, zu etwas Besserem machen. Und irgendwann ist es in meiner kleinen Welt. Niemandem fällt es auf – außer mir. Wird nach meinem Tod vielleicht doch noch entdeckt. Und dann sagt man über das, was man da liest: der kam aus Dresden nie heraus. Denn eine Biographie gibt es nicht. Die Tagebücher sind längst vernichtet. Doch die Frage stellt sich auch nicht, denn den Texten merkt man an, dass der Autor nicht weit gekommen sein kann.
Oder doch? Das Kreisen um bestimmte Themen, das immer tiefere Wühlen in Abgründen kann schließlich auch eine Lebensaufgabe sein. Eine Art Fetisch. Ein Lebensthema sogar. Um Ängste aus sich herauszuschreiben. Zuweilen gar ohne jegliche Intention. Weil auch die bloße Assoziation zuweilen Blüten trägt. Bilder vom Tage gewissermaßen, mitgenommen im Geiste ins Dunkel hinein.
Und fliegen Finger erstmal über Tasten, wäre jeder Spaziergang nur Ablenkung und Prokrastination.
© Dominik Alexander / 2024