Kurz vor mir windet sich die fette Karre des fetten Oberbürgermeisters aus der schmalen Ausfahrt vom unterirdischen Parkhaus unter dem Neuen Rathaus auf die wenig repräsentative Zufahrtsgasse zum Doktor-Külz-Ring. Mein Rad und ich schlängeln sich an ihm vorbei. Am Heck der fetten Karre prangt gut sichtbar die Besitzanzeige: Der Oberbürgermeister. Mit kleinem Landeswappen auf der anderen Seite der Zeile. Das Verhältnis stimmt. Weniger sichtbar ist der fette Oberbürgermeister im Inneren der repräsentativen Dieselschleuder, deren schwarzer Sichtschutz jegliches denkbare Leben im Inneren gekonnt ausblendet. Ich habe jedoch nicht den Eindruck, als würde ich etwas vermissen. Unbekümmert und mit stolzgeschwellter Brust radle ich weiter, als wäre die Dienstkalesche der Königlichen Hoheit für mich Luft. Was sie auch ist. Denn ich – im Gegensatz zum Schwarzen Phantom – besitze keine Knautschzone. Bewege mich dennoch im Straßenverkehr und muss hier sowohl Fußgängern und anderen Radfahrern als auch kriegstüchtigen Panzern ausweichen. Es ist ein täglicher Kampf ums Überleben. Es zählt nur das Gesetz der Straße und damit das Recht des Stärkeren. Zuweilen bilde ich mir ein, das zu sein. Doch das ist natürlich stets meiner natürlichen Selbstüberschätzung geschuldet, wenn ich im gestauten Berufsverkehr locker an Freund und Feind vorbeirolle. Im Stadtverkehr – zudem noch in der Innenstadt – gibt es jedoch keine Freunde. Wenn ich jedoch lediglich Feinden gegenüberstehe, weiß ich stets, worauf ich mich einlasse. So gibt es keine Überraschungen. Oder anders: die eintretenden Überraschungen sind keine.
Was war das? Diesen dunklen Schatten habe ich sogar bis hier gespürt. Der kalte Hauch des Todes! Hier in meinem Schutzpanzer. Das darf nicht sein!
Anders verhält es sich da schon mit Überraschungen aus der Luft. Zwischenzeitlich hatte ich meine Fahrt unterbrochen, um mich dem Konsum hinzugeben und dabei der übrigen Menschheit auszusetzen. Schnell trat ich jedoch erneut ins Freie. Die Fahrt muss ja weitergehen. Das Leben ist viel zu kurz. Wir alle haben nur eines davon. Auch diejenigen, die an ein Danach glauben. Denn ist das Hier und Jetzt beendet, gibt es nur noch das Danach, das weder das Hier noch das Jetzt ist. Manchmal habe ich auf dem Fahrrad diese philosophischen Gedanken. Beinahe endzeitlich.
Nehmen Sie die Verfolgung auf. Informieren Sie die Einsatzkräfte. Hier. Hier ist die rote Linie. Ich habe endgültig genug davon. Einmal muss ja Schluss sein. Das lasse ich mir nicht länger bieten. Fahrräder sind das Übel der Menschheit. Und Fahrradfahrer der letzte Abschaum. Jagen Sie ihm hinterher. Nur nicht zurückdrängen lassen. Wenn es sein muss, auch durch kleine Gassen. Doch dem Wagen darf nichts passieren. Und wenn doch, zieh ich Ihnen das vom Gehalt ab!
Draußen ist der erste warme Tag dieses Jahres. Gar nicht mehr so jung; es sind die Iden des März. Wie sah es da im vergangenen Jahr aus? Ebenso unheilverkündend in jedem Fall. Das ist unbestritten. Caesar darf nicht umsonst für uns gestorben sein!
Immer, wenn so ein Fahrradfahrer auf seinem Fahrrad mir bisher die Vorfahrt genommen hat, habe ich Ihnen nie etwas gesagt. Doch vielleicht haben Sie es gespürt, haben es gesehen; an meinem roten Kopf, den ich nur mit sehr viel Nachsicht und noch mehr Selbstbeherrschung geschlossen zu halten vermochte; an meiner erhöhten Temperatur, der stärkeren Schweißbildung. Ich wusste ja immer: Jetzt schalten Sie wieder die Klimaanlage ein, weil sie meinen Körpergeruch sonst nicht aushalten können. Unsere Wagen können gar nicht groß genug sein. Dann habe ich meinen Platz und Sie Ihre Luft. Überhaupt: Lassen Sie doch bitte die Trennwand herunter. Ich weiß, dass uns von außen niemand sehen kann. Doch Sie wissen ja: Meine Paranoia, was die Außenwelt betrifft. Im großen Dienstsaal bin ich der König. Alles huldigt mir; wagt keine Widerworte. Doch hier draußen bin ich Freiwild; jeder kennt meinen Wagen. Nicht seine Schwachstellen, so hoffe ich. Doch würde er einen feigen Anschlag ohne Blessuren überstehen? Würden Sie mich unbeschadet aus der Gefahrenzone manövrieren können? Ich weiß schon: Für den Notfall sind wir gerüstet. So fühle ich mich jedoch nicht. Wenn wir den Notfall trainieren, wissen wir, was kommt und dass er kommt. Tritt tatsächlich ein Notfall oder schlimmer noch: eine Katastrophe ein, wird uns die Überraschung überraschen. Sind wir dann handlungsfähig oder stehen wir wie ein Reh auf dunkler Straße vor den immer näher kommenden Scheinwerfern? Ich weiß es nicht, und diese Unwissenheit macht mich hier draußen unsicher. Und daran ist nur dieser Fahrradfahrer Schuld. Er ist der letzte Tropfen, der wieder aus dem Fass entfernt gehört. Sind die Hubschrauber bereits gestartet? Nur einer? Weshalb nicht zehn, wie ich gefordert habe? Wir haben nur vier? Dann ordern Sie den Regierungsbestand von Thüringen, Dachsen-Anhalt und Brandenburg noch dazu! Ich will ihn hinter Gittern sehen! Dieser Fahrradfahrer muss von der Straße! Und sollte es bis zur Verhandlung diesen unsäglichen Radfahrstreifen auf dem Blauen Wunder geben, wird er dazu verurteilt, die weiße Farbe wieder von der Fahrbahn zu lecken!
© Dominik Alexander / 2024
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