Wir gehen ein in die Gründe, die das Meer bedeuten. Zeitzeugen sind wir nicht, doch wir spüren dem Seufzen nach, das am Meeresgrund melancholisch seine Bahnen zieht. Wie die Linien von Nasca prägen sie sich unvergänglich ein und lassen uns nur ahnen, wie das Leben damals war.
Überblende vor einen Friedhof.
Eine rote Höffnertüte lässt sich vom Wind an der Steinmauer zum Friedhof entlangtragen. Höffner – ein Möbel- und Einrichtungstempel, der vom billigen Ramsch bis zum unerschwinglichen Einbauschrank alles vertreibt. Die Tüte ist leer, hat ihre Schuldigkeit getan. War Transportgegenstand. Nun allein den Elementen ausgesetzt, sucht auch sie sich ihre letzte Ruhestätte. Sucht, lässt suchen und den Wind die Richtung, den Standort bestimmen. Als beides stimmt, hebt der Wind die rote Tüte empor, trägt sie sanft auf die andere Seite – vom Reich der Lebenden ins Reich der Toten.
Überblende auf einen Friedhof.
Hier liegt sie nun auf einem längst vergessenen Grab. Der Stein zeigt noch die Namen, doch davor erinnert nichts daran, dass sich noch jemand an die Namen auf dem Stein erinnert. An die Menschen, die sie einst waren. Atmende Hüllen. Jetzt weder Hüllen noch atmend. Es scheint, als würde auch die rote Tüte ihre letzten Atemzüge auf dieser Welt ins verdorrte Gras husten. Ich hebe sie auf und trage sie in einen grünen Müllbehälter für Plastik und sonstigen Müll, der sich nicht schnell und natürlich zersetzt.
Überblende zu einer Bank auf dem Friedhof.
Ich sitze auf der Bank, genieße die wenigen Sonnenstrahlen, die ihren Weg durch hohe Baumkronen bis zum Boden finden. Und doch denke ich an die rote Höffnertüte zurück, die jetzt in einem Müllbehältnis auf diesem Friedhof liegt, nicht mehr vom Wind fortgetragen wird. Während sie nur wenige Minuten zuvor eine freie Existenz auf der Straße genießen durfte. Ich personifiziere die rote Tüte insgeheim, da sie das konservativ und etwas altbackene Höffnermännchen plakativ vor sich hertrug. Ich personifiziere die rote Tüte, weil die rote Tüte personifiziert erscheint. Ein toter Gegenstand aus Plastik, der nie gelebt hat, doch die stilisierte Gestalt eines Menschen zeigt – schon sind wir der roten Tüte näher als einem missgestalteten Menschen. Was sagt das über uns aus?
Überblende vor einen Friedhof.
Die Straßenbahn rumpelt vorbei. Hier draußen stinkt es nach Abgasen, Hundescheiße, Zigaretten. Die rote Tüte hat es jetzt besser als ich. Ich muss zurück zur Arbeit. Sie darf ihr totes Leben weiterführen. Morgen besuche ich sie vielleicht. Schaufle ihr aber kein Grab. Denn wo sie war, könnten noch viel mehr sein – ein Schwarm roter Höffnertüten. Die doch bei Höffner zu Hause sein sollten; nicht auf dem Striesener Friedhof.
© Dominik Alexander / 2024