Marzipan gehörte früher zu den Arzneimitteln. So wie Kokain. Beides gab es auf Rezept in der Apotheke. Für die Gesundheit. Vom ersten bekam man Verstopfung und Diabetes. Aber immerhin ist es vegan, trägt also nicht zum Fastenbrechen bei. Sagte Thomas von Aquin. Und der große Kirchenvater musste es schließlich wissen. Wenn die Kirche sagt, dass es gut ist, muss man nicht weiter darüber nachdenken. Dann ist es gut. Rotwein und Kirschwasser, Himbeergeist und Marzipan. Alles im Einklang mit Gott und der katholischen Kirche. Und sind die Schäfchen erst mal süchtig gemacht, klappt auch das mit dem Ablasshandel viel besser.
Bei Niederegger in Lübeck funktioniert der Ablasshandel anders. Hier muss man erst durch die viel zu bunte Warenetage, wenn man zum Café will und dort durch, um ins Museum vorzudringen, wo Skulpturen aus Tonnen von Marzipan einen Geruch verströmen, der an hundertjährige Zuckerbäckerei denken lässt. Eine Tonne Marzipan muss man sich gewiss nicht kaufen; ein paar Kilo genügen auch, um dem Zuckergott zu huldigen, auf dass alle Sünden vergeben werden – vor allem diese kleinen kulinarischen Sünden. Die mit viel Zucker und Alkohol. Doch immerhin ist es vegan. Mehr verlangt Gott nicht. Das wusste bereits Thomas von Aquin. Vor allem aber der heilige Himbeergeist.
© Dominik Alexander / 2024