I
wer in Bochum nicht Unter Tage geht
ist nie in Bochum gewesen
hier verwest der Schweiß von zweihundert Jahren
die Legende besagt
dass es noch immer Bergleute gibt
die die Kohle nicht aus der Haut geschrubbt kriegen
gestern noch wurde hier Kohle gefördert
gefördert wird heute anderes
Bespaßung fürs Volk
führen wir Touristen durch unsere alten Pisten
an Loren vorbei
zeigen ungeschönte Bilder
ja, so war das damals
eine harte Zeit
die uns dennoch jede Minute fehlt
ein Leben lang Bergmann sein
krumm werden
nicht wirklich alt
doch vieles zu erzählen haben
stolz auf die eingeschworene Gemeinschaft
auf die Kumpels konnte man sich noch verlassen
heute stehen viele von ihnen
verlassen in der Kneipe ums Eck beim Bier —
II
die U-Bahn heißt U-Bahn
weil sie Unter Tage zu finden ist
doch meist nur im Herzen einer Stadt
wird sie untergraben
eilig durchfahren
wo es unwichtiger wird
an den Randgebieten
sucht sie sich den Weg ins Freie
daran erkennt man die Provinz
oder den Mangel am Finanziellen
oder dass die Gräben bereits da waren
vor der U-Bahn
durchlöchert von Schächten
wieder aufschütten
oder gleich so tun
als würden wir was für die Menschen bauen?
III
ein Museum Unter Tage
das Landschaftsbilder zeigt
die langweiligen Anfänge
die grotesk-winzigen Figuren in Reifröcken und Pumphosen
dann wird es modern
und interessant
es wird skurril
es wird albern
plastisch und abstrakt
spacig und zuweilen völlig beknackt
hier und da auch mal ernst
wenn die Atombombe zum Thema wird
dann wieder ruhig mit Alltagsvideos
blau-weiße Placebos türmen sich auf
Frankensteins Pilze stehen hinter Glas
alles gipfelt im leuchtenden Glück
das verborgen unter der Erde
wild verwoben dem Gordischen Knoten gleicht
zerschlagen wir es gleich
oder doch erst später
als Schreibtischtäter?
© Dominik Alexander / 2024