Proxemische Zugreise

Über der Szene liegt ein säuerlicher Geruch aus abgestandenem Deororant, Schweiß, Zigaretten, unterschiedlichen Kaugummisorten, Essen und diversen sonstigen Körperausdünstungen. Der Raum ist begrenzt. Wir befinden uns in einem Regionalexpress und in den intimen Zonen gleich mehrerer Mitreisender. Wir starten in Bochum und atmen in Köln das nächste Mal Sauerstoff.

Etwas mehr als eine Stunde soll es dauern. Also im Vergleich zu meinen bisherigen Fahrten auf meiner Reise ein Katzensprung.

Unterschiedliche Sprachen wirbeln untergründig durcheinander wie in einem Bienenstock. Auf der Anzeigetafel über unseren Köpfen blinkt ein rotes Licht. Big brother is watching us. Der Duisburger Bahnhof wird im Augenblick abgerissen, da wir dort halten und so schnell wie möglich weiterfahren. Ausgerechnet hier quält sich ein Rollstuhlfahrer umständlich durch die akkurat zusammengepferchte intime Menschenmasse im Eingangsbereich. Mit dem Abriss unseres Bahnsteigs wird gewartet, bis wir weg sind.

Ein Baby beginnt zu schreien. Ein anderes stimmt ein. Die meisten Insassen flüchten in ihre virtuellen Welten, ihre alternativen Existenzen, ihre ruhigen Realitäten mit ganz viel Distanz zu allen anderen Menschen. Der Zuggeruch ist nicht anders als in den Nightclubs, in denen die meist jugendlichen Mitreisenden ihre Nacht verbringen. In der Nacht ist das Stickige, Abgestandene vielleicht sogar besser erträglich. Das Dunkel der Nacht hilft. Dass man von den anderen Menschen nur Schemen und Schatten sieht.

Die multi Kulturellen fahren mit den Regionalzügen, während die deutsche Elite in der ersten Klasse des ICE die Beine lang macht. Sie im Liegen; wir im Stehen. Sie versuchen sich uns anzupassen – immerhin. Wenn sie nicht gerade in der Mercedes S-Klasse mit Chauffeur sitzen und ohne Feindkontakt mit dem Arbeiterpöbel durch die Republik cruisen.

Die Gespräche im RE drehen sich um Arbeit, Krankheiten, Mitarbeiter, das Ende der Ferien, alte Beziehungen, Nichtigkeiten aus dem Alltag. Sie unterhalten sich nicht über die Bahn. Man erträgt die Enge, die stickige Luft. Die unbekannten Menschen werden entmenschlicht. Blickkontakt ist zufällig, wird nicht gesucht. Man setzt ein unnahbares Gesicht auf, versucht, auf die anderen so uncharmant wie möglich zu wirken. Ein Lächeln ist schon zu viel, ist aufdringlich und im bereits bestehenden intimen Kontakt wie ein sexueller Übergriff.

Personal Space? Was war das gleich noch? Die Antworten finden wir bei Edward T. Hall, The Hidden Dimension. Alle Menschen im Zug stehen zu den anderen im allerpersönlichsten Personal Space, im intimen, den man in jedem Nightclub als aufdringlich empfinden würde. Anzeigewürdig. Hier wird es ertragen, weil man auf das Ende warten kann. Ich habe eine Zeit, zu der ich mein Ziel erreichen soll. Pünktlich wird es sicher nicht. Denn bei der Deutschen Bahn sind Zu- und Ausstiege – überhaupt Passagiere! – im Fahrplan schlicht nicht vorgesehen. Zustiege und Ausstiege sind in einer Minute zu schaffen. Wenn das nicht klappt, wird der Zugbegleiter unleidlich und belehrend. Da werden Reisegäste wie kleine Kinder behandelt. Aber noch nicht von draußen in den Zug geschoben wie in Japan. So weit sind wir noch nicht. Fehlt jedoch nicht mehr viel.

Es ist ein Kommen und Gehen; ein Geben und Nehmen. Vor allem, was den Schweißgeruch betrifft. Am Ende des Tages haftet der typische Regionalbahngeruch in der Kleidung aller dieser Leute. So wie in allen heute lebenden Menschen mindestens ein Atom Gaius Iulius Caesars steckt, haben wir heute alle mindestens ein Atom von jedem eingeatmet oder angeheftet. Wir schleppen diese Atome nach Hause und geben sie da weiter. So wie früher den Discogeruch. Hat man auch mit mehrfachem Waschen einfach nicht aus der Kleidung rausbekommen.

Das Ländliche zwischen Düsseldorf und Köln ist nicht anders als das Leben am Elberadweg. Grüne Idylle in der unmittelbaren Ferne. Durch schwindenden Kontrast gerade so glattgebügelt, dass es beschaulich wirkt. Da möchte man gar nicht so genau hinter die Kulissen schauen. Am Ende wäre auch das gar nicht so viel anders wie in meiner Heimat. Ebenso konservativ wie in Strukturen und Erziehung gefangen wie im Osten des Landes. Das zu sagen, bringt allerdings heute nicht mehr viel. Weil Worte nicht mehr geglaubt werden. Ja, Worte sind eine Glaubensfrage, an der bestimmte Menschen hängen. Die Gesinnung macht die Glaubwürdigkeit aus.

Nach der letzten kurzen S-Bahn-Fahrt vom Kölner Hauptbahnhof freue ich mich ein bisschen zu sehr darüber, schwer bepackt durch den Großstadtmoloch zu laufen. In den Straßen im Kölner Westen liegt kaum gesunde Luft; dennoch ist das vielfach besser und erträglicher als der beinahe zum Platzen gebrachte Regionalexpress. Wo die Proxemik nicht zu Hause war.


        © Dominik Alexander / 2024

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