Ein Parkplatz in der Ewigkeit

Schwere Orgelklänge lassen das Gebälk auf Köpfe fallen
Weit ist das Kirchenschiff
Doch die Musik macht klein
Ertragen das Schwere
Aushalten den Druck
Laufen da Gedanken durch den Körper
Spricht ein Göttliches mit den kleinen Menschen in den alten Holzbänken —

Es sind Tonfolgen aus der frühen Neuzeit
Spätes siebzehntes Jahrhundert im Backsteingemäuer
Steht noch im einundzwanzigsten Jahrhundert
Wie oft haben die Wände die Töne bereits vernommen
Zurück in die Halle gespült
Dieterich Buxtehude
Georg Böhm
Nur das geistliche Wort ist gesprochen von einem lebenden Menschen
Der jedoch tote Worte benutzt
Ein Duktus der Sprache mit altersfleckiger Patina —

Hier geht es um Rituale
Die alt sein müssen
Um zu wirken
Musik, die alles überdauert
Ist längst im Jenseits angekommen
Und klingt wie von da herübergeschickt —

Vor allem alte Menschen sitzen hier
Sind geübt im Schweren
Sie schleppen sich in die Kirche hinein
Und wieder heraus
Dazwischen schlafen sie zu den ohrenbetäubenden Klängen unterm leidenden Jesus
Wie schaffen die das bloß?

Der Pfarrer ist der Jüngste in der Halle
Als Thema hat er sich die Hilfeleistung gewählt
Das gute, barmherzige Samaritertum
Das heute nicht selbstverständlich sei
Organisiert nur in Feuerwehren, Diakonie, Wohlfahrten, Rotem Kreuz
Wer Mitglied ist, muss selbst nichts tun
Er kann jeden Monat seinen finanziellen Beitrag leisten
Mit Geld geht schließlich alles
Vor allem die Evangelische Kirche weiß das —

Mit Geld
So meint die Kirche
Kann sich jeder Mensch von seinen Sünden freikaufen
Und von uneigennütziger Hilfe
Wenn er sich die Hände nicht schmutzig machen will —

Seit die Kirche mächtig wurde
Sind Hilfe und Geld zu eng miteinander verbunden
Wer zahlen kann
Muss nichts weiter tun
Stücke werden bei der Vesper gespielt
Die auf das endliche menschliche Dasein verweisen
Ach wie nichtig, ach wie flüchtig jammert Georg Böhm
When I am laid in earth mutmaßt Henry Purcell wenig später
Sie verweisen ans Jenseits
Nichts kannst du dorthin mitnehmen
Also gib es der Kirche
So garantierst du dir deinen ewigen Platz
Deine persönliche Wolke —

Kommst du im Himmel an
Wartet sie bereits auf dich
Deine Wolke mit aufgesticktem Namen
Gerne auch der Parkplatz der Ewigkeit mit dazu
Für dein geliebtes Auto und dich —

Du darfst zur Vesper schiefe Musik von der Orgel hören
Die Orgelpfeifen sind verstimmt
Weil es draußen viel zu warm ist
Und die alten Besucher die Tüt viel zu langsam wieder schließen
Das Geld darfst du bezahlen
Damit du asus der Kirche wieder herauskommst
Andere Organisationen nennen so etwas Schutzgeld
Die Mafia beispielsweise
Doch die Kirche ist selbstverständlich seriös
Der Ablasshandel war zwar letzten Endes auch nichts anderes
Doch das haben wir überwunden
Wie wir uns überwunden haben
Heute heißt es Kollekte

Wir sind die Organisation
Die von ihrer Geschichte lebt
Die alte Musik in alten Gemäuern spielt
Und dafür auch noch Geld haben will
Geld von den Lebenden
Für ihr künftiges Dasein als Tote
Das wir ihnen bewusst machen
Mit jedem weiteren Kirchenbesuch —

Denn sie kommen immer wieder
Je älter sie werden, umso häufiger
Denn sie spüren:
Das Ende ist nahe
Und kann ich denn sicher sein
Dass das mit dem ewigen Leben nur ein Märchen ist?
Dann lieber allen Reichtum der Kirche schenken
Im Leben aufgehäuft und gesammelt für die Kirche
Wortbedeutung von collegere
Dann kann ich sicher sein —

Und wenn es doch ein Märchen ist
Dann wenigstens mit Happy End.


        © Dominik Alexander / 2024

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