High Noon kurz vor Vier

Eine Minute vergeht
Ich lasse sie vergehen
Noch eine
Ich häufe Sekunden an
Eine nach der anderen
Tick
Tick
Tick
Vorbei
Vorbei
Vorbei
So viele Sekunden
Bis zwei weitere Minuten dahingegangen sind
Dorthin
Von wo nicht einmal Sekunden zurückkehren
Wie alles Menschengemachte —

Doch ich schweife ab

Meine Zeit vergeht
Nicht mit Nichtstun
Eher mit Warten
Was aussieht wie das gleiche
Sich jedoch völlig anders anfühlt
Nichtstun hat etwas von Müßiggang
Chillen mit geschlossenen Augen
Sich an einem heißen Sommertag auf einen kühlen Berg träumen
Von dort in einen kühlen Bergsee springen
Jeden kühlen Lufthauch an der Haut spüren
Warten ist Sitzen auf heißen Kohlen
Fingerklopfen auf dem Schreibtisch mit offenen Augen
Sich nirgendwo hinträumen
Weil man ja sieht wo man sitzt
Am Schreibtisch vor einem langsam verschwimmenden Monitor —

Doch ich schweife ab

Kurz nach Mittag denke ich bereits an den Feierabend
Morgen ist Feiertag
Da will ich heute früher weg
Muss früher weg
Weil ich am Abend noch zu einem Ehrenamt muss
Einmal im Monat
Immer Mittwochs
Ein Stück mit dem Fahrrad zu fahren
Vorher will ich wenigstens noch ein Stück Obst essen
Oder auch ein Spiegelei mit Tomaten —

Doch ich schweife ab

Das Mittagsmahl liegt hinter mir
Ich erledige meine Arbeit
Bin kurz nach Zwei fertig
Draußen scheint die Sonne
Wunderbar volle Wolken stehen am Himmel
Wo ist nur der Regen
Den die Wetter-App schon den gesamten Tag prognostiziert?
Ich will nicht auf ihn warten
Doch auf den Kollegen muss ich
Daran hängt
Was ich in die Mail für meine Vertretung schreibe
Für den Freitag
Nach dem Feiertag
Wenn ich nicht da bin —

Doch ich schweife ab

Kurz nach Drei sehe ich am Horizont eine Schwarze Wand
Hier oben kann man sehr weit schauen
Über der Wand ist alles voluminös wolkig und hell
Unter der Wand zieht eine violette Ursuppe heran
Die alles verschlingt
Was ihr in die Quere kommt
Ich will mich nicht verschlingen lassen
Doch ich komme erst kurz vor Vier hier los
Registriere
Es kann nicht falsch sein
Wenigstens das Vorderlicht auf die Gabel zu stecken
Ich stecke also
Dann fahre ich los
Es sind nur drei Kilometer
Zehn Minuten
Doch dann warte ich viel zu lange an der ersten Ampel
Die mich von der Fahrradstraße trennt
Danach fallen die ersten Tropfen
Dann stülpt sich der violette Mantel über mein Rad
Und über mich
Erbricht zuerst Graupel
Dann einen nicht enden wollenden Wasserschwall
Pfützen bilden sich
In den Pfützen bilden sich Blasen
Meine Hose
Meine Schuhe
Meine Jacke
Meine Haut
Verschmelzen miteinander zu einer unteilbaren Masse
Dann schlägt ein Blitz durch die Ursuppe
Es leuchtet und zuckt einmal hell und kurz
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Dreiundzwanzig
Vierundzwanzig
Fünfundzwanzig
Dann folgt der Donner
Das Gewitter ist noch ein gutes Stück weg
Doch ich sehe und spüre den Wind
Er wird schnell näherkommen
Dann wird er direkt über dir sein
Und dann wäre es doch im Grunde ziemlich cool
Also wäre es denn zu viel verlangt
Wenn es hier am Straßenrand
So etwas wie einen Unterstand gäbe?
Ich halte Ausschau
So gut das eben geht
Mit einer Brille auf der Nase
An deren beide Scheiben die Millionen Regentropfen klopfen
Als begehrten sie Einlass
Mittlerweile schiebe ich das Rad
Bin so langsamer
Aber so vielleicht auch ein weniger lohnendes Ziel
Für die Blitze
Die nun direkt über mir sind
Als ich tatsächlich etwas entdecke:
Eine Zufahrt zu einer Tiefgarage aus Beton
Architektonisch kein Augenschmaus
Doch es gäbe aktuell wohl kaum etwas
Wo ich jetzt lieber wäre
Zum ersten Mal in meinem Leben stelle ich mich bei einem Gewitter unter
Und dann auch noch unter etwas
Das ein Zuhause für Autos ist
Ein Stück gehe ich hinein
Es sieht aus wie ein großer Schlund
Der in den Tartaros führt
Das Betonmaul nimmt mich in sich auf
Das Fahrrad lehne ich an die Betonmauer
Dann verfolge ich abwechselnd die Blitze am Himmel
Gefolgt vom Donner
Und das Radar der Wetter-App
Beinahe der gesamte Kartenausschnitt ist eine gelbe Wolke
Nix mit fluffigen Cumuli
In der App sind sie Gelb
Draußen ist es ein Grün-Violett
Etwas verwaschen
Allerdings könnte das auch an meiner Brille liegen —

Doch ich schweife ab

Als es kurz nach Vier ist
Kann ich schon wieder bis achtundzwanzig zählen
Der Regen plätschert dünn
Die Pfützen sind angeschwollen
Blasen nicht mehr zu sehen
Also traue ich mich aus dem Betonbunker hervor
Wuchte mein triefendes Ich auf mein triefendes Rad
Und fahre den verbliebenen Kilometer nach Hause —

Wenig später nehme ich für den Weg zu meinem Ehrenamt die Straßenbahn
Es ist die erste
Die wegen der Team Challenge erstmal pausieren muss
Da schweife ich dann gedanklich erst mal ab.


        © Dominik Alexander / 2025
        © Presentsquare (image)

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