Heute freue ich mich aufs Schlafen

Gerade noch brutzelten die beiden Spiegeleier ungesehen in der Pfanne. Hatten den falschen Deckel auf. Aber immerhin einen. Das Olivenöl spritzte draußen trotzdem alles voll winziger Tropfen. Immerhin trage ich die Brille nicht. Es macht mir nichts aus. Gerade noch so dem Tod von der Schippe gesprungen zu sein, macht unbeschwert.

Doch ich übertreibe. Der Tod hat ja nicht einmal an der Tür geklopft; war kaum in der Stadt. Kennt mich möglicherweise noch gar nicht mit Namen. Dennoch fühle ich mich stets etwas beklommen, wenn ich schwitzend, fröstelnd; schniefend, hustend und mit müden, trähnenden Augen mich dem Schlaf hingeben muss. Wenn ich nachts nicht mehr länger wach bleiben kann. Was ist, wenn ich im Schlaf ersticke? Wenn das Herz plötzlich nicht mehr mitmacht?

Wer danach befragt wird, wie er einmal sterben möchte, dann antworten wohl die meisten: im Schlaf. Allerdings nicht mit Mitte Vierzig. Da sollte dann schon mindestens eine Neun vorm Lebensalter stehen. So richtig krank sein will man nicht. Am liebsten noch im eigenen Haus wohnen, alles selbst machen können. Jeden Tag einen kleinen Spaziergang, dann mit der Katze auf dem Schoß auf der Bank am rückseitigen Haus und den Lauf der Sonne beobachten. Schließlich einschlafen und nicht mehr aufwachen. Ohne vorheriges Siechtum; ohne Überdrüssigkeit am Dasein.

Ein krankheitsloses Alter ist natürlich illusorisch. Selbst bei einem nicht-lebenden Auto muss nach einer gewissen Zeit etwas ausgetauscht werden. Doch irgendwann wird es zu teuer, und das Auto wird verschrottet. Ein Mensch kann stattdessen gar nicht teuer genug sein. Auch am Sterbenswunsch vorbei wird er gnadenlos am Leben gelassen. Vielleicht auch deshalb wünschen sich viele Menschen einen abrupten Abschluss. Ja nicht im Krankenhaus das Lebensende verbringen müssen, in einem Heim oder Hospiz. Wo es nur noch zum längstmöglichen Siechen hingeht.

Nun, so weit ist es bei mir noch nicht. Dennoch habe ich im Kranksein diesen irrationalen Schauer vor dem Schlaf. Dabei ist es ganz einfach: Wenn ich nicht wieder erwache, muss ich mir nie mehr Sorgen machen – um gar nichts. Weder um Krankheit, Schlaf, Sterben, Tod oder gar all die beschwerlichen Dinge des Lebens.

Aber eben auch nicht um die schönen Dinge des Lebens. Mein Dasein oder besser: mein Nicht-Dasein wäre dann ohne Gedanken, ohne Erinnerungen, ohne Wünsche, ohne Träume. Da ich dann nicht mehr im Dieseits existiere, kann mir das egal sein, ist es aber nicht, da ich schließlich nicht bin. Ich kann weder das eine noch das andere. Ich bin Nichts, nichts mehr, habe einmal existiert, doch mein Leben ist beendet.

Wovor also habe ich Respekt? Vielleicht davor, was aus meinen Büchern wird, die in meiner Wohnung versammelt sind. Sie leben nicht. Auch ihnen ist egal, was mit ihnen geschieht. Doch mir ist es nicht egal. Oder besser gesagt: Mir wird es nicht egal gewesen sein. Futur Zwei ist schon eine feine Sache. Eine große Errungenschaft der Grammatik, des menschlichen Denkens. Das Abgeschlossene in der Zukunft denken und sogar sprachlich ausdrücken können macht Sprache, Willen und Wollen um so vieles präziser.

Heute freue ich mich wieder aufs Schlafen. Denn ich schniefe und huste kaum noch. Ich habe kein Fieber mehr. Die Augen tränen nicht. Meine Körperchemie hat sich optimal auf meine Umgebungstemperatur eingestellt, ohne irrirtiert zu reagieren, sobald ich nur schlurfend den Raum wechsle. In der kommenden Nacht wird mich der Tod nicht ereilen. Davon kann ich wohl ausgehen. Und wenn doch, dann werde ich mir keine Gedanken mehr machen müssen.


        © Dominik Alexander / 2024
        © Cdd20 (image)

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