Wunden unserer Zeit

das schrille Krächzen ist im Hafen von Wismar nichts besonderes
lass die Möwe in Ruhe
schreit ein Bruder seine Schwester an
und doch kann ich darüber nur müde lächeln —

das Krächzen klingt wie Schmerzensschreie
aus den Tiefdruckgebieten des Krieges
der Kriege unserer Zeit
Kriege toben permanent
es wird nie eine Zeit ohne sie geben
toben die Kriege nicht um uns her
toben sie in unseren Herzen
toben sie in unserem Fleisch —

wenn er sagt
zeige deine Wunde
dann meint er es wie er es sagt
wir zeigen zuerst die Wunden, auf die wir stolz sind —

auf welche Wunden können wir stolz sein?

auf die einer heroischen Geschichte
aus dem Krieg
vom Sport – idealerweise Mannschaftssport
immer dann, wenn wir unseren Körper zum Wohl einer Gemeinschaft eingesetzt haben —

stolz sind wir auch auf Wunden, die vom Kampf gegen eine Krankheit rühren —

wir zeigen Wunden nicht, die den Stolz vermissen lassen
die persönlich sind
die etwas offenbaren, das wir gern vergessen möchten
auf das wir ungern reduziert werden könnten —

die Wunde ist die Identität
die Narbe zeigt die Wunde
wo sie einst gewesen
und reißt sie jedes Mal wieder auf
wer davon spricht —

wir zeigen den Stolz
wir verbergen die Scham

die Wunden unserer Zeit
sind wieder Kriegswunden
die Seelenwunden verbergen
und die Wut nur unter Salbe verschmiert.


        © Dominik Alexander / 2024
        © Enrique Meseguer (image)

Thanks for sharing your thoughts!

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.