Theaterpause

Der alte Herr quält sich
Am Pissoir versucht er zu finden
Sich
Seinen schwindenden Männerzustand
Es quält ihn
Sich so zu sehen
Ihn so zu sehen
Schon dieser Reißverschluss
Ein Irrsinn
Weshalb hat die Frau
Hat beim Hosenkauf gesagt
Mit deinen Gichtfingern bekommst du die Knöpfe doch gar nicht mehr auf
Ich kann doch nicht
Jedes Mal
Das jedes Mal kostet sie aus
Ruht sich aus
Auf jedem einzelnen
Gottverdammten
Buchstaben
Ich kann doch nicht jedes Mal
Sagt sie
Ich kann doch nicht jedes Mal
Mit auf Toilette kommen
Um dir die Knöpfe aufzuknöpfen
Ich bin deine Frau
Nicht deine Mutter
Deine Frau
Hörst du
Weißt du das nicht mehr
Ich bin nicht deine Mutter
Ich kann dir nicht den Stall öffnen
Und dein Pferd herausholen
Sie nennt den Penis
Das Glied
Den Prügel
Den Lustspender
Pferd
Ich kann dir doch nicht immer den Stall öffnen
Und dein Pferd herausholen
Er wünschte
Sie würde es mal wieder tun
Es muss ja nicht in der Öffentlichkeit sein
Aber wenigstens mal wieder zu Hause
Doch die Hose hat keine Knöpfe
Der Hosenstall hat einen Reißverschluss
Sein Gefühl sagt ihm
Jeder Reißverschlusszahn ist eine Anstrengung
Jeder einzelne Reißverschlusszahn verursacht ihm doppelt so viel Kraftanstrengung
Wie ein einzelner Knopf
An so einer Knopfleiste
Wären zwei oder drei
Mehr nicht
Knöpfe gewesen
Hier kämpft er sich den Reißverschluss herunter
Zahn um Zahn
Er stöhnt dabei
Als würde ihm das Freude bereiten
Dabei vermisst er nur seine Frau
Wie sie ihm helfen könnte
Wie es nur eine Mutter kann
Frau ist sie ihm doch schon lange nicht mehr
Sie hat sich selbst zu seiner Mutter gemacht
Von ihm zunächst unbemerkt
Hat er beim Hosenkauf schließlich gedacht
Sie ist wie eine Mutter
Sie sucht mir die Hose aus
Ich probiere sie an
Sie greift mir in den Schritt, um den Schnitt zu fühlen
Sie spürt dabei nichts
Und ich noch weniger
Sie kauft mir die Hose
Wie einst meine Mutter
Zuweilen ist das ganz angenehm
Es fühlt sich an wie damals
Wenn ihn seine Erinnerung nicht trügt
Da hin gehen, wo die Mutter ist
Über die ausgesuchte Hose mäkeln
Sie dann aber doch nehmen
Weil es schließlich keine Alternative gibt
Sagt jedenfalls seine Frau
Die seine Mutter ist
Es ist ganz angenehm
Einfach zu machen
Was gesagt wird
Nichts mehr selbst zu entscheiden
Doch dann
Steht er plötzlich vor dem Pissoir
Während sich die Frau
Die seine Mutter ist
An der Bar einen Wein holt
Und er weiß plötzlich nicht mehr
Wie das funktioniert
Zu Hause trägt er schließlich eine Jogginghose
Mit Gummizug
Schon etwas ausgeleiert im Schritt
Aber sehr bequem
Die muss er auf der Toilette nur herunterlassen
Muss sich setzen
Und dann läuft alles wie von selbst
Er versucht sich daran zu erinnern
Als er zuletzt dabei gestanden hat
Und keine Jogginghose trug
Er stöhnt eine Weile vor sich hin
Seine Finger ruhen noch immer am zweiten oder dritten Zahn vom Reißverschluss
Seine Augen ruhen an dem Wasserloch vor ihm
Die kühle Keramik lacht ihm ins Gesicht
Dabei ist hier gar nichts zum Lachen
Er hat vergessen
Weshalb er hier steht.


        © Dominik Alexander / 2025
        © janeb13 (image)

4 Comments Add yours

  1. Wie immer ein großartiger Text! Und unwillkürlich stelle ich mir die Frage, wie lange es bei mir noch dauert, bis ich soweit bin :(

    Liked by 1 person

    1. Vielen Dank, Friedrich, ich hoffe, dass es bei Dir noch eine Weile dauert! Wenn ich so eine Szene beobachtet, insbesondere wenn Mann und Frau zusammen agieren, bedauere ich die wahrscheinlich mehr als es nötig wäre. Einer der beiden ist vielleicht wirklich dement und kann viele Dinge kaum noch selbst. Dann hat er oder sie wenigstens den Partner an seiner Seite statt einer völlig fremden Pflegerin. Im fortgeschrittenen Stadium einer Demenz ist das gefühlt zwar kein Unterschied und dann für den Partner eher eine Belastung, aber wie heißt es im christlichen Sinne so schön: Im Guten wie im Schlechten. Wer jung heiratet, sagt das oft nur so dahin oder hört es sich an, ohne hinzuhören. Im Alter erinnert man sich dann vielleicht, nimmt es ernst oder trennt sich. Und dann ist der demente Mensch allein.

      Liked by 1 person

      1. Da hast Du voellig recht. Dieser Text erinnert mich an einen anderen von Dir, in dem der Mann seine Frau mit Mama tituliert, aufgegeben hat. Ebenfalls sehr einpraegsamer Text.

        Liked by 1 person

        1. Ja, irgendwie sind mir gerade diese Alltagsbegegnungen resp. -beobachtungen sehr eindrücklich. Da braucht es gar nicht viel, um zu inspirieren und ganz viele Vorstellungen anzuheften.

          Like

Thanks for sharing your thoughts!

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.