Monophobia

Es wäre nur ein Schritt für einen Menschen. Kein Schritt für die Menschheit. Denn die sieht ihn gar nicht. Ein Mensch steht allein am Abgrund und traut sich nicht. Er zaudert, hadert. Mit sich. Mit der Menschheit, die nicht zuschaut, die ihn nicht beachtet. Die nicht einmal weiß, dass er existiert. Doch diese diffuse Angst, die ihm in den Magen steigt, sich festklammert und nicht mehr hinauswill, ist noch nicht bis zu seinem Kopf gekommen. Da gibt es noch einen winzigen Rest an Zuversicht, die ihn den letzten Schritt nicht gehen lässt. Monophobia ist Moll; Zuversicht ist Dur. Moll ist natürlich schöner, weil es zu seiner Melancholie passt. Dur ist so geradeaus, so ohne Schnörkel, nie um die Ecke, stets nur die Hauptstraße. Was wäre, wenn er mit Zuversicht die Nebenstraße ginge? Geht das denn?

Warum nicht? Solange es einen Weg gibt, kann er den auch gehen. Oder fliegen. Im Traum kann er schließlich alles. Alles sein, alles machen, alles fühlen. Hier und jetzt fliegt er durch einen goldbraunen Canyon. Irgendwo im Death Valley. Wo es überhaupt nicht heiß ist. Es ist kühl. Denn seine Flügel sorgen für Erfrischung. Und seine Höhe. Er schwingt sich auf Sagarmatha / Qomolangma Höhe und lässt dann einfach los.

Dann liegt er einfach da. Streckt sich. Wann hat er das zum letzten Mal gemacht? Auf dem Rücken liegen. Beine ausstrecken, das angenehme Ziehen spüren. Arme über dem Kopf – weit wegstrecken. Innerlich wächst er an um das Vielfache seiner tatsächlichen Körpergröße. Es hilft, dass er dabei die Augen geschlossen hat. Und warmen Sand unter dem nackten Rücken spürt. Viele kleine Steinchen pieksen in seine Haut. Vielstimmige Massage – Wärme und Kälte zugleich. Sein Denken begreift das nicht, muss es aber auch gar nicht. Es ist schön, einfach mal nichts zu denken, sondern einfach nur zu sein. Im Rhythmus der Sandwellen unter ihm; Plattentektonik des Vorderen Orients.

Menschen, die Bäume umarmen wollten, draußen in den Wäldern, waren für ihn stets Spinner. In der Gruppe kann er das nicht, will er das nicht. Oder war bisher einfach nicht die richtige Zeit. Für alles gibt es die richtige Zeit. Den richtigen Rhythmus. Die richtige Temperatur. Falsche Zeiten, falsche Rhythmen, falsche Temperaturen gibt es nicht. Kompatibilität ist wichtig. Richtig und richtig ist richtig. Richtig und falsch ist falsch. Jetzt ist die richtige Zeit. Und der richtige Baum. Er umarmt ihn, schließt die Augen. Ja.

Und dann war es Zeit zu gehen. Keine Flügelschläge. Nur Schritte. Die Wüste lag hinter ihm. Das Death Valley ebenso. Die hohen Lüfte. Was blieb denn noch als die dunkle Nacht und die heiße Hölle. Gab es die heiße Hölle oder war nicht doch bereits die dunkle Nacht das Ende? Gibt es ein Ende außer dem Tod? Das wusste er selbst nicht einmal. Oder wollte es nicht wissen. Das war sicher das richtige Wort zur richtigen Zeit. Anfang und Ende gibt es nur für den einzelnen Menschen. Doch das Universum ist ein Kreis in alle Richtungen, der an seinem Anfang und Ende stets zu sich selbst zurückfindet.

Immer weiter tragen ihn die Schritte. Er spürt die Schildkröte in seinem Rücken und die Hufen den Pferdes unter ihm. Oder ist es doch der Elefant auf der flachen Erde? Aluminium umspannt das Himmelszelt, aus dem die Sterne sind. Gedanken fallen zurück ins dunkle Mittelalter. Dabei wollte er doch in die dunkle Nacht. Er will endlich wieder stehen, sich ausruhen. Doch er läuft immer weiter, immer weiter, immer weiter, zum Horizont, zum Horizont, zum Horizont. Doch nie, nie, nie ist da auch nur eine kleine, kleine, kleine Veränderung. Dabei immer ans atmen, atmen, atmen denken, fällt ganz schön schwer. Doch die Füße tragen immer weiter. Was kann er dafür, dass er unsterblich ist? Denn wer beständig läuft, wird niemals fallen. Wer beständig läuft, überlistet die Zeit.

Da! Dort! Schau. So viele Sterne! Hast du je so viele Sterne gesehen? Sind wir eigentlich noch auf der Erde? Haben wir noch Boden unter den Füßen? Oder sind wir nicht schon längst eins mit dem Universum? Haben wir uns verbunden? Lassen wir uns tragen? Können wir die Zeit vergessen, die wir uns einst selbst ausgedacht haben? Als der Mensch noch glaubte, er könne sich die Welt Untertan machen. Die gesamte Welt mit allen Pflanzen, Tieren, allen bekannten und noch unbekannten Lebewesen. Kommt dieser einzelne Stern dort hinten nicht auf uns zu? Oder fliegen wir zu ihm? Tanzen wir im Dunkel auf ihn zu?

Ich habe Angst davor, meine Augen zu öffnen. Der Regen riecht so frisch. Ich will ihn schmecken – mit allen Sinnen. Will das Licht nicht dazu geben. Diese Zutat gehört nicht in mein Weltgericht. Der Regen genügt. Völlig. Ich bin im Einklang, im Zweiklang mit dem Regen in mir, im Regen mit mir. Wir haben uns, auch wenn ich dem Regen kaum was bieten kann als mich selbst. Die Wärme meiner Haut. Er spült mein Haar, bis es mit meiner warmen Haut verschmilzt. Der Regen bringt mich zum Weinen und zum Lachen, zum Tanzen und zum Späße machen. Die Angst verfliegt, wenn der Regen auf mich fällt. Und wenn der Abgrund hier auch wäre, so störte es mich nicht. Die Angst ist in mir. Die Angst war in mir. Jetzt liegt sie mit dem Regen in der Erde.

Das kleine Leben in der Erde wird erstehen, wenn ich schon lange nicht mehr bin. Das denkt er sich, wenn er sich aufschwingt, aufmacht, um den letzten Weg zu gehen. Den letzten Weg, der so viel länger dauert, als wir das hier verstehen können. Er lässt sich in den Rhythmus fallen, auf den warmen Sand in der Wüste, in die kühle Luft hoch über dem Death Valley, in den feuchten Morgentau der saftig grünen Wiese. Was ist schon Angst, wenn der eine Tag, an dem wir leben, sich ins Unendliche erstreckt? Da ist das Spiel mit den Gezeiten, mit den Abendweiten, die uns mit ihrer orangenen Kraft ins Jenseits ziehen. Da spüren wir, was wahre Kraft ist. Schau ins Dunkel und erkenne, dass dort kein Dunkel ist. Das Helle ist immer dort, wo du die Augen schließt, um dich ins Unendliche zu treiben.


        © Dominik Alexander / 2023


Normalerweise schreibe ich ohne Musik, aber für diesen Text habe ich mal was ausprobiert. Von der App Calm hatte ich den Soundtrack von mau5trag: flow & focus auf den Kopfhörern. Die gesamte Playlist läuft 41 Minuten bei neun einzelnen Tracks; daher auch die neun Textabschnitte. Während ihr den Text lest, könnt ihr also gerne die Musik dazu hören. Ich fand sie jedenfalls sehr inspirierend.

4 Comments Add yours

  1. Großartiger Text! Es gibt ein paar Aspekte in vielen Deiner Texte, die mich immer wieder erstaunen machen. Z.B. wie stark Du den “Zeitgeist ” bestimmter Gruppen bzw. unserer Gesellschaft einfaengst. Auch, dass wir in unserer Herangehensweise so ähnlich sind. Und die Musik werde ich erkunden.

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    1. Vielen Dank, Friedrich! Ich muss zugeben, dass ich den Text bisher noch gar nicht gelesen habe, nur geschrieben. Ich fand die Wechselwirkung von Musik und Erfahrungen beim Schreiben spannend, sich einfach mal tragen zu lassen und gar nicht so viel darüber nachzudenken, ob das jetzt zu einem wie auch immer gearteten Plot passt. Ab und zu habe ich schon Rückgriffe drin, um es so wirken zu lassen, als sei es eine runde Sache, dabei war es dann meist nur eine Gedächtnisübung :)

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      1. Auch bei meinen Bildern spielt Musik eine sehr wichtige Rolle. Auch sehe ich meine Arbeite oft ein paar Tage spaeter genauer an. Auch versuche ich beim Malen moeglichst wenig zu denken. Statt Gedaechtnisuebung ist es bei mir aber eher Gedankenuebung oder Meditation. Coole Tage!

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        1. Inspiriert von Deinen minimalistischen Werken, nehme ich mir fast täglich vor, endlich selbst mal wieder etwas gegenständliches zu produzieren. Weniger denken und einfach machen könnte auch hier der Schlüssel zum Erfolg sein!

          Dir auch coole Tage!

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